Paris – comme toujours

Die Meßlatte war hoch. Mit Gucci weht ein neuer Wind aus Mailand. Fazit: In Paris zeigen viele Häuser sehr starke Kollektionen. Doch die Modesignale sendet nach langer Zeit wieder Milano und nicht die Stadt an der Seine.

Wenn die ganze Fashion-Meute in Paris in Gucci unterwegs ist, ist das ein Indiz. Wer die Fell-Puschen des italienischen Labels nicht wie zahlreiche Moderedakteurinnen in die Redaktion geliefert bekommen hat und damit flanieren konnte, hat keine Chance, an die begehrten Latschen zu kommen.  Die Gucci Fell-Puschen sind in allen Pariser Filialen ausverkauft. “Sie können sich gerne auf die Warteliste setzen lassen”, sagt eine Verkäuferin mitfühlend zu einer zierlichen Japanerin, “aber für die Fashion Week wird das nicht mehr klappen.”

Nach dem Hype von Céline zu Dior zu Valentino zu Saint Laurent ist es erstmals nach dieser Fashion Week so, dass man sagen muss: In dieser Saison gibt es keine Aufregung um eine in Paris gezeigte Show. Aber es gibt sehr viele gute Kollektionen und Entwicklungen.

Hedi Slimane zeigt für Saint Laurent das üblich Rockig-Lässige – mit Jeans in allen Variationen, die er zu Gummistiefeln kombiniert. Deutsche Frauen werden sich freuen, immerhin haben sie damit von höchster Stelle die Legitimation, dass der Trend Jeans in die Stiefel tragen doch nicht nur noch in der tiefsten Provinz angesagt ist.  Slimane hält an seinen Prinzipien für das Haus Laurent fest – er spielt mit Smokingelementen, langen Abendkleidern, Lederjacken und Glitzerkleider. Das kann er auch, die Umsatzentwicklung der Pariser Traditionsmarke – in drei Jahren hat Saint Laurent den Erlös verdoppelt – macht ihn über jede Kritik erhaben.

Phoebe Philo präsentiert für Céline eine weichere Seite, mit Spitze und Transparenz, schwingenden Rocksäumen, Empire-Taillen, Kelch- oder Puffärmeln und immer wieder mit dem Spiel von Weite – für einen starken und zugleich sinnlichen Look.

Valentino ist eine einzige Reise nach Afrika – und ein Bekenntnis zu den Flüchtlingen, die seit Wochen nach Europa kommen. Was die Designer Maria Grazia Chiuri und Pierpaolo Piccioli da zeigen, ist reinste Couture: Lederkleider, in breite Streifen geschlitzt und mit goldenen Nieten bestückt. Opulente Stickereien, Rüschen, Batikprints, aufgenähte Perlen und Federn. Das ist Handwerk pur.

Für Dior will Raf Simons Präzision, Reinheit und Einfachheit finden, die sich in dem Zusammenspiel von Feminität und Fragilität ausdrückt – so umschreibt der Belgier die kurzen A-Linien seiner Kollektion. Am deutlichsten verkörpert wird dies in den mädchenhaften Faltenröcken. Das allerdings sind nie gewöhnliche Faltenröcke, sondern Blazer, die als Kleider getragen werden und die unten in Falten mit runden Säumen enden. Dazu kombiniert er dekonstruierte Norwegerpullover. Blazer sind so lang und oversized, dass sie auch als Kleid fungieren könnten, aber er lässt Shorts unter ihnen hervorblitzen. Das ist vielleicht eine der besten Kollektionen, die Raf Simons für Dior entworfen hat. Mit Sicherheit ist er der richtige Mann am richtigen Ort.

Auch Hermès hat mit Nadège Vanhee-Cybulski eine gute Wahl getroffen. War die Premiere der Französin noch ein Herantasten an die Handschrift von Hermès, hat sie in ihrer zweiten Kollektion ihr Gespür für luxuröse Materialien in Kombination mit entspannten Looks gezeigt. Die Französin wählt Twill, der auch Nappa sein könnte. Leinen-Baumwolle-Gemisch, das wie Rohseide aussieht. Die Hermès typischen Seidencarrées schneidet sie in Streifen und verarbeitet sie zu knielangen Faltenröcken. Sie interpretiert eine Sportlichkeit – mit grafischen Mustern, klaren Farben und trifft damit den unaufgeregten, aber extra-luxuriösen Zeitgeist des Hauses Hermès auf den Punkt.

Den Zeitgeist einer modernen, urbanen Frau trifft Clare Weight Keller für Chloé schon seit einigen Saisons. Mit ihrem Bohemian-Hippie-Look hat sie eine Welle an Nachahmungen ausgelöst. Bei H & M und Zara hängen die Kopien der aktuellen Herbstkollektion 1:1. Dieses Mal geht Keller einen Schritt weiter – inspiriert von den 90er Jahren, kommt zu dem Mädchenhaft-Bohemian eine sportliche Komponente hinzu. Die Unbeschwertheit, Leichtigkeit in der Kollektion bleibt mit geblümten Maxi- und flatternden Spitzenkleidern. Sie wird durch Pullover zu Pluderhosen in Regenbogenfarben, Trainingsjacken zu bodenlangen Röcken oder Spitzentops zu Trainingshosen jedoch weitergedreht in Richtung Sportivität – und dadurch kommt eine neue Spannung ins Spiel, die anderen Marken nicht gelungen ist und mit der Chloé sicher wieder Maßstäbe setzen wird. Insofern war Chloé für mich die beste Kollektion der Paris Fashion Week.

Denn klar: Chanel war eben Chanel. Mit einer gigantischen, beeindruckenden Show im Grand Palais hält Karl Lagerfeld die Begehrlichkeit der Marke hoch – und wenn man sieht, wie sich Frauen in der Chanel-Boutique in der Rue Cambon mit ihrer 4000-Euro-Tasche in die Schlange einreihen wie beim Discounter, macht Chanel alles richtig.

Alles richtig hat auch Talbot Runhof in dieser Saison gemacht. Den Weg, den das Münchner Designduo schon letztes Mal eingeschlagen hat, haben sie weiterverfolgt  – und noch konsequenter umgesetzt. Im Zusammenspiel mit neuen Längen und Proportionen zeigen sie, dass sie mehr zu bieten haben als Seidenstretch-Abendkleider, mit denen alles angefangen hat – und es wäre ihnen zu wünschen, dass die Einkäufer diese Entwicklung auch entsprechend honorieren.

Die richtige Entscheidung hat auch die Kering Group für Balenciaga getroffen. Nach drei Jahren gibt  Alexander Wang den Kreativposten auf. Sein Vorgänger Nicolas Ghesquière hat es 15 Jahre ausgehalten – und einen deutlich besseren Job gemacht. Wang ist es nie gelungen, das Potenzial der französischen Traditionsmarke zu erfassen. Vielleicht schafft es sein Nachfolger Demna Gvasalia, aus Balenciaga wieder ein “Hot Ticket” zu machen. Die Marke Vêtements, die Gvasalia zusammen mit seinem Bruder seit 2014 steuert, wird in Frankreich als Aufsteigerlabel gehandelt. Dann hätte Paris Mailand nächste Saison wieder etwas entgegenzusetzen.

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