“Wir produzieren schon mal jede Menge blaue Ballkleider für President Joe Biden’s Inauguration”

Mit ihren extravaganten Abendkleidern hat Talbot Runhof eine internationale Fan-Gemeinde. Nach München, Düsseldorf und Berlin hat die Münchner Marke gerade einen Store in Zürich eröffnet. Dass Events und Parties wegen Covid 19 erst einmal lange Zeit nicht stattfinden, trifft Talbot Runhof schwer. Was das für sie bedeutet und wie sie mit der Situation umgehen, erklären Adrian Runhof und Johnny Talbot im Gespräch mit spielerweekly.

Aktuell liegen die Nerven bei allen blank. Händler fordern mehr Valuta, Stornierungen von aktueller Herbstware, Rücknahmen. Wie geht Talbot Runhof mit diesen Forderungen um?

Wir waren nur mit sehr wenigen solcher Wünsche konfrontiert, und das auch nur ganz am Anfang der Krise, als ein paar Handelslobbyisten lautstark falsche Begehrlichkeiten weckten. Die meisten unserer Kunden wissen, dass sie ihre Ware irgendwann brauchen, und diese demzufolge auch irgendwann abnehmen und bezahlen müssen. Über Lieferzeiten kann und konnte man schon immer sehr gut mit uns reden, denn gerade wir sind mit unserer Made-In-Germany-Produktion da sehr flexibel. Deshalb werden wir jeden Kunden Just-in-time beliefern, also dann, wenn er die Ware wirklich braucht – auch wenn wir dafür die Liefertermine bis November, Dezember verschieben müssen. Dann ist auch Valuta kein so großes Thema mehr, denn auch hier setzt sich die Einsicht durch, dass Cash Flow für den Händler genauso wichtig ist wie für den Lieferanten.

Was sind aktuell die brisantesten Themen?

Wann geht es weiter, wann werden die Kunden wiederkommen, was werden sie nachfragen, und halten wir solange durch…

Talbot Runhof betreibt auch eigene Läden. Was bedeutet die Verlängerung des Shutdowns für Sie?

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter trifft es am härtesten, denn die sind größtenteils in Kurzarbeit und müssen entsprechende Einkommenseinbußen hinnehmen. Leider haben wir nicht die finanzielle Kraft diese auszugleichen, da wir mitten in der Vorfinanzierung der Herbst-Winter-Saison stecken. Aber nicht nur für sie zählt jeder Tag, den sie wieder voll arbeiten können. Wir haben eine tolle Kollektion in den Läden hängen, in der wir so gut wie noch nie auf den Punkt gebracht haben, was man sich für Events und Festivitäten im Frühjahr und Sommer wünscht. Wenn das alles hängen bliebe, wäre das eine Tragödie.

Im Moment wird viel über Entschleunigung diskutiert. Armani fordert weniger Kollektionen, spätere Liefertermine, kontrollierte Reduzierungen. Wie beurteilen Sie diese Diskussion?

Wir arbeiten schon seit einiger Zeit daraufhin, uns auf zwei Kollektionen pro Jahr mit je zwei saisongerechten Lieferterminen zu beschränken. Große internationale Kunden wie Net-a-Porter, Harrods, Nordstrom und Saks Fifth Avenue erzielen aber regelmäßig mit sehr frühen Lieferungen extrem gute Abverkäufe, daher bieten wir ihnen diese auch an. Wenn man im internationalen Kontext arbeitet, muss man anerkennen, dass das bisherige System für viele Beteiligte große Vorteile hat(te). Unsere Herausforderung besteht Saison für Saison in hohen Abverkaufsquoten, geringen Restanten und vernünftig gehandelten Reduzierungen. Bisher haben wir das immer hingekriegt, warum nicht auch in Zukunft?

Der US-Markt ist für Talbot Runhof neben dem deutschen der wichtigste. Wie planen Sie dort die nächste Saison?

Wir produzieren schon mal jede Menge blaue Ballkleider für President Joe Biden’s Inauguration…

Apropos Planung: Wie erstellt man eine neue Kollektion in Zeiten von Corona?

Ganz ehrlich? Erst einmal gar nicht. Die meisten Anlässe, zu denen unsere Looks getragen werden, werden zur Zeit abgesagt oder verschoben, deshalb sind unsere Kunden bestimmt bis Ende des Jahres mit Ware eingedeckt. Wenn die Läden wieder aufmachen, müssen wir erstmal ein Gefühl dafür bekommen, wohin die Reise geht und welche Kundinnen mit welchen Wünschen zu uns kommen. Wenn sich dieses Gefühl bei uns einstellt, kommt die Kollektion von ganz alleine und mit ihr das Timing für die Präsentation.

Johnny Talbot und Adrian Runhof. Foto: Alex Waltl

Published by spielerweekly

Mehr als schöner Schein. spielerweekly berichtet über Mode, Trends, Kreative und Sortimente aus der Sicht all derer, die Mode nicht nur als Entertainment sehen, sondern damit ihr Geld verdienen möchten.

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