„Ich liebe München…“

…die deutsche Kultur und ich kenne das Wort Winterschlussverkauf“, lacht Jean Paul Gaultier in die Kameras. Zur Ausstellungseröffnung von „From the Sidewalk to the Catwalk“ in der Kunsthalle in München ist der Franzose persönlich in die bayerische Metropole gekommen – und mit ihm gleich seine Outfitkreation für die Wiesn: eine Lederhose der Firma Meindl mit Korsett, Kegel-BH und Strumpfhalter. Als die Organisatoren der Ausstellung ihn baten, etwas mit Lokalkolorit zu kreieren, fragte sich Gaultier, was Madonna wohl auf der Wiesn tragen würde. Mit München verbindet ihn die Liebe zu bayerischer Tracht und mit Madonna eine enge Freundschaft, und so lautet sein Vorschlag: „Miss Oktober Fesse“ (zu deutsch: Miss Oktober Wiesn-Po).

Das ist typisch Gaultier. Die Mode nicht so ernst zu nehmen, Tabus zu brechen, zu provozieren oder zumindest zu ironisieren, hat dem 63-jährigen in jungen Jahren den Ruf des Enfant Terrible eingebracht. „Ich wollte weg von dem typischen Pariser Chic“, sagt er rückblickend, „das war mir alles zu perfekt, zu einheitlich, zu langweilig.“

Wenn man sieht, wie Jean Paul Gaultier sich für die Freiheit der Geschlechter und Sexualität einsetzt, für Transgender und das Aus von Konventionen, wie er die gängigen Klischees von männlicher und weiblicher Schönheit hinterfragt, sind seine Entwürfe aktueller denn je. Gaultier zieht Männern Frauenkleidung wie Röcke oder Dessous an. Er hinterfragt Geschlechterrollen und befreit sich damit immer wieder von klassischen Gesellschaftscodes und tradierter Kulturgeschichte. Ihm geht es um Toleranz, Akzeptanz und die Vision einer offenen Gesellschaft.

„From the Sidewalk to the Catwalk“ zeigt rund 140 Entwürfe seiner 40-jährigen Laufbahn, die 1976 mit der Gründung seines eigenen Prêt-à-Porter-Labels begann, nachdem er u.a. bei Pierre Cardin, Jean Patou und Angelo Tarlazzi als Modellzeichner gearbeitet hat. Neben Haute Couture- und Prêt-à-Porter-Modellen – zum Beispiel ein Kleid aus Leoparden-Perlenstickerei, das in 1060 Arbeitsstunden geschneidert wurde oder ein Kleid aus Müll  (Herbst/Winter 1980/81), das Gäste der Show damals so empörte, dass sie das Défilé verließen – zeigt die Ausstellung auch Kostüme aus Filmen von Pedro Almodovar sowie Bühnenoutfits von Madonna. Darunter das legendäre Korsett mit kegelförmigem BH, in dem die Sängerin im Jahre 1990 auf ihrer Welttournee „Blonde Ambition“ die Welt schockierte, als sie auf offener Bühne bei dem Song „Like a virgin“ masturbierte. Auch zahlreiche Entwürfe mit Kristallen von Swarovski finden sich in der Ausstellung, die Kristalle spielen für Gaultier von der ersten Stunde eine Schlüsselrolle in seinen Entwürfen.

Chronologisch ist die Ausstellung nicht aufgebaut, vielmehr sie ist ein choreographiertes Gesamtkunstwerk, für das viel Aufwand betrieben wurde: Um die Puppen zu frisieren, wurde eigens ein Stylist engagiert. Eine Videoprojektion mit 41 Beamern sorgt dafür, dass einige der Puppen sogar sprechen können und dabei erschreckend menschlich aussehen.

Eine multimediale Welt rund um seine Entwürfe zu schaffen und keine klassische Retrospektive, das ist den Kuratoren gelungen und damit haben sie auch Gaultier überzeugt, der ursprünglich von der Idee nicht begeistert war. “Für mich klang eine Ausstellung ein bisschen nach Tod”, sagte er. “Wenn man stirbt, kommt man ins Museum.”

Die beeindruckende Sammlung hat schon im kanadischen Montreal und in Paris Station gemacht und ist vom 18. September 2015 bis 14. Februar 2016 in der Kunsthalle München zu sehen.

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