Die Top-Trends vom Laufsteg

Prèt-a-Porter Paris Frühjahr/Sommer 2017Chanel by Karl Lagerfeld
Prèt-a-Porter Paris Frühjahr/Sommer 2017 Chanel by Karl Lagerfeld

New York, London, Mailand und Paris sind gelaufen. Eine Saison, die mehr durch Evolution als durch Revolution von sich reden macht. Hier kommen die wichtigsten Catwalk-Trends für Frühjahr/Sommer 2017:

  1. Sport trifft Deko. Farbe, Muster, Stickereien, Applikationen – das Gucci-Fieber greift um sich, die exzessive Phase geht in die nächste Runde. Drucke und Muster in allen Varianten von Blüten und Palmen bis zu Tieren und Graphics, von Streifen bis Karos, am liebsten wild kombiniert, bleiben eine zentrale Botschaft. Dazu wird gestickt, appliziert, was das Zeug hält. Es könnte einem schwindlig werden bei dem Gedanken, wie das auf der Panorama im Januar wohl aussehen wird. Denn je kommerzieller eine Kollektion, desto kitschiger kann Dekoration aussehen. Der Grad ist so fein wie die Herausforderung, auf einem Seil über dem Abgrund zu balancieren. Doch dank der starken sportiven Einflüsse wird das Ganze herunter gebrochen auf erhält so die wichtige Modernität. Cut-Outs, Zipper, Kordelzüge und aufgesetzte Taschen setzen genauso wie Tanktops, Badeanzüge, Jogginghosen, Neopren und kernige Baumwolle markige Gegenpole. Auch die internationalen Designer lieben Athleisure. Vermutlich entspricht die Kombination aus Sport und Dekoration unserem aktuellen Zeitgeist – Sport und Leisure für die Alltagstauglichkeit in unserem schnellen Leben. Dekoration für die Träumereien und kleinen Alltagsfluchten. Insofern könnte das ein junges Team mit guten Erfolgsaussichten sein.
  2. Comeback der schmalen Hose. Die Marlene wollten die Kundinnen nicht, die Schlaghose schon gar nicht, die Culotte konnten die Männer nicht leiden – und so kommt es, dass auch die Designer reumütig zur schmalen Hose zurückkehren. Hilft ja nix.  Von New York bis Paris waren auf den Laufstegen wieder schmale Hosen zu sehen. Oft mit höherem Bund in technischen Materialien, noch häufiger verkürzt. Doch ganz umsonst war der Ausflug in weitere Gefielde dann doch nicht: Neu ist die verkürzte Bundfaltenhose, mit oder ohne Aufschlag, die in der Silhouette zwar schmal ist, aber dennoch mehr Weite im Oberschenkel hat. Vielleicht ist das die Hose der Zukunft.
  3. Rock on top. Wahrscheinlich bin ich der größte “Rock-kehrt-zurück-Prediger” der Branche. Kommerziell bislang ohne größeren Erfolg, denn dank der Dominanz der Hose hat es der Rock in Deutschland unglaublich schwer, da die meisten deutschen Frauen so wahnsinnig praktisch sind. Doch die internationen Designer und ich sind uns einig: Der Rock hat Trend-Potenzial. Von Midi bis Maxi, und immer gerne beschwingt, ist er omnipräsent auf den Catwalks und man kann nur hoffen, dass er irgendwann wieder einmal von den Frauen erhört wird. Er hätte es verdient, denn eigentlich bietet der Rock viel mehr Kombinationsmöglichkeiten als ein Kleid.
  4. Oversized bleibt. Auch dieses Thema haben wir ja schon eine Weile, und mit den weiten Hosen sah es kurz mal so aus, als ob sich hier eine Verschiebung zu mehr Taillenbetonung ergibt. Das trifft zum Teil auch zu, aber nicht für das obendrüber. Jacken und Mäntel dürfen, sollten sogar oversized sein. Das verleiht jedem Outfit Lässigkeit, die einen guten Look ausmacht.Wem das zu viel des Guten ist, kann sich über Volumen im Ärmel austoben. Fast keine Kollektion, die nicht die Ballon-Form mit überschnittener Schulter oder sogar dem Keulenärmel spielt.
  5. Applikationen. Badges und Patches sind jetzt auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Designer wechseln immer öfters auf Applikationen, Pailletten und Stickereien – als Next Generation sozusagen.

Paris, was kommt, was bleibt?

Auch die Fashion Week Paris war keine Offenbarung in Sachen Trends. Dass es bunt und dekorativ bleibt – hat mittlerweile sogar der größte Modemuffel verstanden, und das ist vermutlich auch gut so, weil dieser Trend nach dem jahrelangen Einfluss von Céline wichtige neue Impulse für den gesamten Markt sendet, den dieser so dringend braucht angesichts der weltweiten Konjunkturmüdigkeit.

Auch die internationalen Designermarken stehen unter Druck, was bei den einen zu blindem Aktionismus führt und bei den anderen zum Totalstillstand. Nur so lässt es sich erklären, dass Phoebe Philo bei Céline zum zweiten Mal in Folge versucht, ihren minimalistischen Entwürfen mit Raffungen, Drapierungen oder Knoten einen Hauch Dekoration über schnittechnische Details zu verleihen – was ihrer Handschrift leider die selbstverständliche Klarheit raubt, die sie über Jahre hinweg so bravourös entwickelt hat.

Nicht weniger Maßstäbe hat Clare Weight Keller für Chloé in der Vergangenheit gesetzt. Wie kein anderes Label hat die französische Marke den Seventies- und Romantik-Trend ausgelöst – mit ihren schwingenden Flatterkleidern, bestickten Blusen und weiten Hosen. Doch leider hat man in dieser Show einen Déjà-Vu – die Kollektion greift Altbekanntes auf, ohne es weiter zu entwickeln.

Die Herausforderung, seine Handschrift zu wahren und weiterzuentwickeln, ohne sich verlieren, ist ein Spagat, den jede Marke jede Saison aufs Neue hinlegen muss.

Eine Erfahrung, die Anthony Vaccarello bei Saint Laurent auch noch machen muss, denn seine Entwürfe, vorwiegend Jeans und Leder, sind noch weit von der Raffinesse entfernt, die dieses große Traditionshaus birgt.

Nach einer neuen Identität sucht auch Lanvin seit dem Weggang von Alber Elbaz. Das ist Bouchra Jarrar noch nicht ganz gelungen, sie hat der Kollektion etwas mehr Modernität und Leichtigkeit verschafft, dabei aber gleichzeitig an Relevanz genommen. Doch in der Regel dauert es ein paar Saisons, bis der Designer die typische Handschrift einer Marke erfasst und ihr einen persönlichen Stempel verleihen kann.

Herangetastet hat sich auch Maria Grazia Chiuri an Dior, die davor mit Pierpaolo Piccoli die Marke Valentino großartig ins Hier und Jetzt geführt hat. Ihr Debüt bei Dior mit starken Anleihen an Ballett und Fechten war passabel, aber noch ausbaufähig. Ihr Ex-Kollege Piccoli bei Valentino hat indes einen guten Job gemacht und bewiesen, dass er es auch alleine kann.

Nicht anders Nadège Vanhee-Cybulski, die in ihrer vierten Kollektion für Hermès beweist, wie zeitgemäßer Luxus aussehen kann. Ihre Maxi-Lederröcke mit hoher Taille sowie weichfallenden Lederkleider mit schwingendem Saum dürften nicht nur der typischen Hermès-Kundin gefallen – genauso die Hosen und Jacken mit subtilen Smok-Effekten.

Oder man macht es wie der Belgier Dries van Noten. Er schafft seit Jahren den Spagat zwischen maskulinen und dekorativen Elementen. Mal gibt er mehr, mal weniger den Ton an. Genau das macht ihn unverwechselbar. Das muss man allerdings erst mal schaffen.

Fotos: Martin Veit

 

 

 

Mailänder Schauen – It’s a Party!

 

Farbe, Drucke, Deko – und am besten noch eine dicke Applikation oder Stickerei on top. Der Spaßfaktor geht in die nächste Runde. Ganz Mailand ist im Gucci-Fieber.  Ob in der Via Montenapoleone, Via della Spiga, in der Fußgängerzone bei Zara, Mango und Konsorten oder auf dem Laufsteg oder in den Showrooms – überall blitzt und blinkt es.

Egal, ob man die Looks von Alessandro Michele für Gucci jetzt supercool oder grottenhässlich findet – und das lässt sich nach dieser Show durchaus noch kontroverser als in den vergangenen Saisons diskutieren –  muss man sagen, dass der Italiener mit seinem schrägen Flohmarkt-Chic eine neue Ära ausgelöst hat.

Sein Prinzip, dass er bei allem was er tut, versucht Spaß zu haben, trifft offensichtlich den aktuellen Zeitgeist. Je schwieriger die Zeiten, desto bunter und schräger die Mode. Das ist eine alte Binsenweisheit, und doch trifft es den Kern. Unser Leben im Moment ist anstrengend genug, wir sitzen politisch auf einem Pulverfass – da verwundert es nicht, dass die Menschen Zerstreuung suchen, die ihnen die Designer allzu viele liefern.

Allen voran Alessandro Michele für Gucci. Der Italiener hat sich für die Frühjahr-/Sommer-Kollektion 2017 von L.A. und Hollywood inspirieren lassen, und so ist auch die Kollektion: glamourös und kitschig, very Hollywood! Ein klassischer Gucci-Cardigan wird mit Kapuze zur Pseudo-Compton-Jacke, XL-Puffärmel zieren glitzernde Ananas, eine Baseball-Uniform bekommt Gucci-typische Glitzer-Bestickungen, Schlangenmotive zieren Blazer und Kleider, und obendrauf kommen noch dramatische Rüschen und Schleifen dazu. Eigentlich von allem zu viel…doch am Ende sind es die Highlight-Teile als Einzelteile sowie die Gucci-Loafer und Taschen, die über den Tresen gehen.

Intellektueller und more sophisticated unter dem Einfluss von Dekoration und Muster ist die Kollektion von Prada. Miuccia Prada kombiniert Tapetenmuster und Pril-Blumen mit Federn und Gummi-Klettverschlüssen und zeigt, wie zeitgemäß Retro sein kann.

Dem Comeback des Fun-Faktors hat Dolce & Gabbana sein Comeback zu verdanken. Mit ihren Spaß-Motiven haben sie schon in den letzten beiden Saisons eine Vorreiter-Position eingenommen. Dieses Mal setzt das Designduo mit Nudeln in Form von Schleifen, Eistüten und Cocktail-Fotos an der Bar als Prints neue Akzente.

Generell setzt Mailand mehr auf eine Weiterentwicklung vorhandener Themen, die einem beim Store-Check in der Innenstadt durchaus auch schon begegnen. Das Neue besteht allenfalls in der überraschenden Kombination von Stilelementen und Looks.

  1. Die Farb- und Muster-Mania geht weiter. Grafisch mit floral, Streifen mit platzierten Drucken, Palmen mit Folklore-Mustern, Tiermotive mit Blüten sind nur einige Beispiele, die in einen neuen Kontext gesetzt werden und auf den ersten Blick nicht zusammenpassen. Genau darin besteht die Raffinesse, die allerdings ein gutes modisches Händchen voraussetzt.
  2. In der Verbindung von Dekoration mit Sportivität liegt definitiv Potenzial. Der Blouson zum Rock, der Bomber zum Volant-Kleid, die Trainingsjacke mit Zip zum bestickten Chiffonkleid, das Football-Shirt zum Maxi-Rock. Die Mixtur wird auch über Materialien oder Details gespielt: Nylon zu Chiffon, Baumwolle zu Tüll, Tunnelzüge an Röcken, der allover bestickte Kapuzenpullover, Raffungen an Jacken.
  3. Rüschen, Volants, Stickereien, Schleifen, Applikationen – sie sind dekorative Zier. Ohne sie geht nichts im nächsten Sommer.
  4. Der Rock wird schon länger als modischer Aufsteiger gehandelt, kommerziell bislang ohne Erfolg. Egal: Die Designer in Mailand haben ihn trotzdem zum Liebling auserkoren. Am liebsten heiter beschwingt, von Midi bis Maxi – definitiv ein Key-Piece.
  5. Oversized…auch das Thema Volumen wird weitergespielt, zum Beispiel als leichte O-Shapes für Jacken und Mäntel oder als Detail in Form von einem Oversized-Ärmel bei Tops und Blusen.

    Fotos: Martin Veit

Der Markt sortiert sich neu

Die einen zeigen Mode für jetzt, die anderen für nächstes Frühjahr. Manche wie Calvin Klein zeigen erst gar nicht. Hervé Leger und BCBG machen vorübergehend eine Pause. Andere Designer haben ihre Looks für die Show aus Kostengründen halbiert. Umso mehr versuchen Celebrity-Kollektionen und Pop-up-Shops, den schwächelnden Konsum zu befeuern. Diese New York Fashion Week war ein Synonym dafür, wie der Markt sich neu sortiert.  

„See now, buy now“: Christopher Bailey von Burberry hatte letzte Saison die Branche aufgerüttelt mit seiner Ankündigung, seine Mode künftig nach der Show direkt im Handel und online zu verkaufen. Zahlreiche Kollegen folgten seinem Beispiel, und in New York war es jetzt zum ersten Mal soweit. Tommy Hilfiger, Tom Ford und Rebecca Minkoff schickten diese Saison ausschließlich Herbst-/Winterware über den Laufsteg, die anschließend direkt in den Verkauf wanderte. Ralph Lauren packte auf seine Frühjahr/Sommerkollektion noch zirka 50 Looks für Herbst drauf, die es ebenfalls sofort zu kaufen gab. Alexander Wang, Michael Kors oder Thakoon ebenso.

Modisch war es wenig relevant, egal, ob es sich nun um aktuelle Herbst oder neue Frühjahrsmode handelte. Überraschend neu war es weder für dieses noch für nächstes Jahr. Viele Volants, weite Hosen, Off-Shoulder-Blusen, Farbe, Dekoration, Sportivität und Feminität im Mix – Themen, die man schon in diesem Sommer auf den Straßen sehen konnte.

Wäre nicht Marc Jacobs am Ende gewesen, wäre New York in modischer Bedeutungslosigkeit versunken. Doch seine Glamrock-Party war nicht nur ein gutes Finale für die Fashion Week, sie zeigt auch, wohin die Reise gehen könnte: nämlich in die Richtung “Sportswear trifft Dekoration”.

In der Kombination aus sportiven und dekorativen Elementen liegt sicher Potenzial, dass die Kundin sich von dem Meer an Farbe, dekorativen Stoffen und Elementen nicht überfordert fühlt – die neben Jacobs übrigens auch Kollektionen wie Tory Burch, Proenza Schouler, DKNY, Alexander Wang oder Boss gezeigt haben. Das Sportive macht das Dekorative wieder lässig, bricht es ein Stück runter und sorgt dafür, dass es nicht madamig oder kitschig wird. Genau darin liegt der Reiz und auch wieder eine Chance, mit neuen Ideen die Kunden wieder zu verführen.

Die vielen Celebrity- und Designer-Kooperationen versuchen nichts anderes: Rihanna mit Puma, Alexander Wang mit Adidas, Gigi Hadid für Tommy Hilfiger – sie alle wollen Exklusivität vermitteln. Insofern hat New York vielleicht nicht modisch die Erhellung gebracht, aber in Sachen Vermarktung und neuen Kooperationen auf jeden Fall neue Anreize geliefert, die der Markt dringend braucht.

Fotos: Studio Martin Veit

 

 

Zurück auf Los…

IMG_2804 Die Ära von Dekoration, Farbe und Muster geht in die nächste Runde – soviel steht nach dieser Munich Fabric Start fest. Alessandro Micheles Look für Gucci, wo sich bis heute die Geister scheiden, ob der eklektische Flohmarkt-Chic supercool oder grottenhässlich ist, weicht die Dominanz von Minimalismus und Purismus à la Céline und Brunello Cucinelli erneut ein Stück auf.

In der Polarisierung des Gucci-Looks liegt vermutlich ihr Erfolg: hop oder top, man liebt ihn oder man hasst ihn, aber es gibt keine Grauzone mit Beige, Taupe und Greige, mit der man nichts falsch machen kann. Die Modewelt muss Farbe bekennen.

Was sich auf der Stoffmesse für Herbst/Winter 2017/18 bestätigt hat, ist eine Fortsetzung der letzten Saison. Wir haben weiterhin sehr viel Farbe, Reichtum, Dekoration und Expression. Es geht immer um den Spagat, ein Stück weit zu provozieren, aufzurütteln, das Innere nach außen zu tragen. Farbe bleibt Anziehungsmotor, muss aber neu zusammengesetzt werden, sonst haben wir zuviel Déjà-Vu aus diesem Herbst, und nächstes Jahr ärgern wir uns, dass Zara wieder einen Schritt weiter ist.

Rottöne dominieren schon jetzt Sortimente und Schaufenster, eine Wiederauflage ohne neue Ansätze ist wie ein Tee, der einen zweiten Aufguss bekommt. Was bleibt, ist ein schaler Beigeschmack.

Stofflich kann man nur sagen: Es gibt unzählige spannende Patchworkoptiken, innovative Mustermixe, 3d-Drucke, besondere Jacquards. “Damit können wir sehr gut arbeiten”, so das allgemeine Tenor aus München.

Die Herausforderung wird sein, welche Kollektion zu welchem Grad das Thema Dekoration und Farbe umsetzen wird. Auch wenn die Zeichen auf bunt und lustig stehen, Smileys, herausstreckende Zungen und kunterbunte Initialen Handys, Laptoptaschen und Jeansjacken zieren, muss Opus oder Marc O’Polo anders an das Thema herangehen als Marc Cain. Darin besteht in den nächsten Wochen die Herausforderung für die Kreativen.

 

 

 

 

Angst essen Seele auf

Schon nach Berlin ging die Reise mit gemischten Gefühlen nach Düsseldorf. Bei einigen Lieferanten wurde man den Verdacht nicht los, dass der Mut die Kreativen auf halber Strecke verlassen hat. Sah man doch wieder sehr Ähnliches, Vergleichbares, zu wenig Überraschendes,  zu wenig Ecken und Kanten.

Ist ja auch immer leicht geschrieben, dass es mehr Mode braucht, mehr Spitzen, mehr Highlights. Die schlechten Umsätze der vergangenen Monate sind nicht die beste Basis für mutige Entscheidungen.

Doch Angst essen Seele auf. Der Filmtitel von Rainer Maria Fassbinder aus den 70ern trifft besser denn je auf die Lage unserer Branche. Angst ist so ziemlich das letzte, was jetzt hilft – dicht gefolgt von Abverkaufslisten aus vergangenen Saisons und dem legendären Satz “das hat sich noch nie verkauft”. Der Jumpsuit oder Overall oder Einteiler oder wie man ihn auch bezeichnen mag…was wurde gewettert, als die ersten in den Kollektionen hingen. “Unpraktisch”, “völlig unkommerziell, da müssen sich die Frauen bei jedem Toilettengang komplett ausziehen” wurde geschimpft. Heute ist der Overall ein Selbstläufer auch in marktstarken Kollektionen.

Nicht anders bei den Hosen. Als die Skinny aufkam, waren auch viele Einkäufer sicher, dass die schmale Hose sich nicht durchsetzen wird, weil Frauen schon in Konfektionsgröße 40 darin aussehen wie eine Presswurst. Dass es anders gekommen ist, muss ich Ihnen nicht sagen. Dass jetzt wieder Einkäufer darauf beharren, dass weite Hosen keine kommerziellen Chancen haben, ist ein Indiz, dass sich Menschen nur schwer ändern – und in der Modebranche offensichtlich ganz besonders. Auch wenn weite Hosen- und es geht hier nicht nur um die Marlene-Form – in diesem Frühjahr noch nicht den Mega-Durchbruch hatten, wird sich die Hosensilhouette entspannen – Schritt für Schritt. So ein Silhouettenwandel geht nicht von heute auf morgen. Doch wer für nächstes Frühjahr maximal fünf Prozent auf weitere Hosenformen setzt, wie mir das ein Modehaus vor Berlin angekündigt hat, muss sich nicht wundern, wenn es nächstes Jahr womöglich auf den Skinnys sitzen bleibt – oder andere die Geschäfte mit neuen Formen machen. Es gibt so viele modische Hosenformen. Verkürzte 7/8 Hosen mit moderater Weite, Trackpants, Jogginghosen, Chinos – man muss ihnen nur eine Chance geben.

Denn Mut wird nicht immer, aber manchmal dann doch belohnt.Rieke Common zum Beispiel von Maison Common zeigt pinkfarbene Flamingos auf Cashmere-Seidenstrick und ausgestellten Röcken oder platzierte Stickereien auf blau-weiß gestreifen Hemdblusenkleidern – und erntet dafür von Saison zu Saison mehr Zuspruch. “Meine Kollektion liebt man oder hasst man”, sagt sie. Im Moment scheinen sie mehr zu lieben. Polarisieren ist besser als in der Grauzone nicht gesehen zu werden.

Die Lust der Kunden auf Spaß und Lebensfreude in der Mode ist offensichtlich – eine Form von Ablenkung von unseren aktuell schwierigen Zeiten, in denen uns täglich neue Hiobsbotschaften um die Ohren fliegen. Der Patch-Boom ist ein Indiz dafür, dass eine große Sehnsucht nach Dekoration besteht. Der Erfolg von Gucci ebenso. “Wir haben jetzt schon einen Abverkauf von 50 Prozent der neu ausgelieferten Ware”, berichtet eine Einkäuferin in Düsseldorf, “damit hätte ich selbst niemals gerechnet.”

Wer jetzt abwinkt, dass dieser Trend einer kleinen, nicht ernst zu nehmenden Randgruppe vorbehalten ist, der muss einfach mal zu Riani  in den Showroom gehen: Das gerade geschnittene Stretch-Kleid mit Positano-Druck und Dreiviertelarm will jeder Kunde auf seiner Order haben. Wem das nicht genügt, kann Taschen mit Comic-Print und quietschbunte Sneaker noch dazu kaufen.

Nicht anders bei Marc Cain. Drucke sind ein Riesenthema, egal, ob für Blusen, Hosen, Kleider, Shirts oder Accessoires. Farbe ebenfalls, sie ist für Frauen, die es nicht ganz so dekorativ mögen, eine gute Möglichkeit, neue Looks zu definieren. Oder man macht es wie Odeeh, die femininen Volant-Blusen sportive Baumwoll-Chinos oder weite, verkürzte Hosen entgegensetzen. Apropos Volants: Die romantische Bluse ist ein neues Key-Piece – gestreift, Uni oder gemustert, manchmal mit Carmenausschnitt, aber in jedem Fall sehr oft mit Volants und raffinierten Details.

Und wenn jemand sich damit in dieser Saison jemand intensiv auseinandergesetzt hat mit Details, dann ist das Dorothee Schumacher. Die Mannheimer Designerin hat quasi gleich mehrere Bahnen Volants als Ärmelidee konzipiziert, eingefasst in kontrastierende Blenden, die dezent gemusterte Blusen und Kleider schmücken. Das hat etwas Romantisches und trotzdem nichts Überladenes, sondern ist voller Leichtigkeit.

Auch Luisa Cerano  spielt mit kleinen Details, indem ein Spitzentop in Rosé eine rote Strick-Kante am Saum ziert. Dieses kleine Element verpasst dem femininen Top das nötige Quentchen Lässigkeit. Denn darin sind sich alle einig: Die Lässigkeit wollen sich die Frauen nicht mehr nehmen lassen.

Nun lässt sich nicht bestreiten, dass nicht jede Frau eine Freundin von großrapportigen Blumen- und Italienmotiven wird. Natürlich bleibt uns auch die puristischere Seite in der Mode erhalten. Doch dass auch diese einen neuen Dreh erhält, sieht man am  Beispiel Windsor,  die an ihrer reduzierten Schnittführung festhalten, aber durch Fältelungen, Plissees und Raffungen eine weichere Komponente hinzufügen. Hinzu kommt eine neue langgezogene, fließende Silhouette, das ebenfalls für eine neue Optik sorgt.

Neue Optiken für Liefertermin September und das noch zu einem starken Preis-Leistungsverhältnis bei einer Kalkulation von 3,0 bietet das dänische Label Birgitte Herskind aus Kopenhagen (über Birgit Wissemann), zum Beispiel fließende weite Hosen, ungefütterte Jerseyblazer, Hängerkleider, Seidenblusen und Pullover mit Plissee-Ärmel. Die EKs starten ab 43 Euro.

Und noch ein Tipp für ein kleines, feines Nischen-Label mit sehr spezieller Handschrift: Ampersand Heart aus New York (über room twelve) – eine Mischung aus Folklore und Workwear – setzt den Fokus auf Denim, für Blusen und Kleider. Blusen gibt es ab 95 Euro im EK, Kleider ab 125 Euro.

 

 

 

O’zapft is…mit den neuen Wiesn-Sticker

Next Generation Patch-Power…nachdem ich schon vor einigen Wochen darüber berichtet habe, dass die bunten Sticker auf Handyhüllen, Laptoptaschen, Jeans und Sneaker der letzte Schrei sind, geht der Patch-Boom in die nächste Runde.

Wiesn-Fans können sich freuen: Upsticksticker bietet ab sofort eine Wiesn-Edition mit Stickern in Form von Brezen oder Aufschriften wie “Spatzl”, “Wiesn-Madl” und “I mog Di”. Ein Sticker kostet im EK 1,89 Euro. Alle Wiesn-Sticker – 60 Stück mit zehn verschiedenen Motiven – sind auch in einer attraktiven Box erhältlich. Die Box kostet im EK 115 Euro.

upsticksticker wird auf der Supreme Women & Men in München vom 6.-9. August mit einem Stand vertreten sein.

Dahinter stecken die Modedesignerin Tanja Jäckel und Grafikdesignerin Suzana Brala aus Frankfurt. Gemeinsam eröffneten sie ihren Online-Stickershop Ende 2015. Für das Oktoberfest haben sich die Beiden mit dem Münchner It Girl und Wiesnprofi Verena Kerth zusammen getan und einen Verena Charity-Wiesn Sticker entworfen. Den “Süße Maus”-Sticker gibt es ab August im Online-Shop für sieben Euro im VK zu kaufen. Ein Euro des Erlöses wird für einen guten Zweck gespendet. Dieser Sticker ist ausschließlich über den Online-Shop zu erwerben.

 

Alles auf Athleisure?

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Marc Cain

Im Vorfeld von Berlin war viel über Farbe und Dekoration gesprochen worden, dass der Markt dringend diese Impulse braucht. In Berlin wurde dann aber schnell klar, dass diese Trends vorrangig von modischen und progressiven Kollektionen umgesetzt wurden, weniger von den kommerziellen Linien. Manch Einkäufer war nach der Show von Marc Cain etwas überfordert angesichts der Muster- und Farbexplosion, die sich darbot, auch wenn die Teile einzeln und anders kombiniert perfekt der DNA des Hauses entsprechen.

Gut, dass wenige Meter von der Show-Location auf der Panorama die neue Fitwear-Kollektion der Bodelshausener zu sehen war. Hoodies, Tanktops, Nylon-Jacken, Bras, inszeniert im aufgebauten Fitness-Studio mit Hanteln, Steppern, Laufbändern inklusive Umkleidekabinen und Spints: Sportivität funktioniert in Deutschland immer. So verwundert es auch nicht, dass das Modethema Athleisure – eine Mischung aus Athletic und Leisure – jetzt in aller Munde und die Hoffnung vieler Häuser ist, dass damit die Umsätze wieder angekurbelt werden können.

Auf der Premium gab es zum dritten Mal in Folge eine eigene Athleisure-Fläche. Und viele Moderlabels versuchen mit einer Mischung aus Sportivität und Casualwear auf den Zug aufzuspringen.

Ob das letztlich funktioniert in dem Maße wie es derzeit besprochen wird, ist allerdings fraglich. Zum einen gibt es hierzulande noch nicht so viele Frauen wie in den USA, die sich mit ihrem Yoga-Outfit selbstverständlich ins Café setzen. Mönchengladbach ist halt nicht New York.

Zum anderen muss das Thema entsprechend auf den Flächen präsentiert werden. Nur halbherzig zwei Yoga-Shirts und drei Gym-Pants hinzuhängen, wird vermutlich nicht funktionieren. Also wenn schon, dann bitte richtig.

Und trotzdem bitte nicht die anderen Trends vergessen. Es gibt so viele verschiedene Ansätze. Neue Hosensilhouetten – und damit meine ich nicht die Schlaghose oder die Marlene, sondern die neuen Jogging- und Trackpants, verkürzte Formen, Chinos und Cargos, die ein perfekter sportiver Unterbau zu den vielen dekorativen Blusen und Shirts bilden.

Gerade in der Kombination sportiv-dekorativ steckt Potenzial. Riani etwa kombiniert den Blouson in Buntgewebe zur Jogging-Pants, (The Mercer) N.Y. zeigt einen Strickblouson mit Zipper in Knallgrün, Blonde Nr. 8 versetzt einem Parka eine quietschbunte Stickerei, Luisa Cerano stellt das gestreifte Shirt mit Blumenstickerei einer Chino entgegen, um nur ein paar gelungene Beispiele zu nennen.

Es gibt Athleisure –  aber auch noch vieles mehr.

Berlin in Bildern

Premium, Panorama, Berliner Salon, Seek, Show & Order – und dann noch jede Menge Fashion Shows, Showroom-Events und Partys. Berlin ist allein für Inspiration, Information und Eindrücke immer eine Reise wert. Hier kann man früh beginnen, in dieser Saison vielleicht zu früh, sich ein Bild für die neue Saison zusammenstellen. Anbei ein Eindruck von meiner Woche in Berlin.