“Mit den frühen Reduzierungen spielt die ganze Branche mit ihrer Glaubwürdigkeit”

Birgit Wissemann ist Inhaberin der gleichnamigem Agentur. Nach dem sie viele Jahre internationale Designermarken vertrieben hat, setzt sie heute bewusst auf modische Nischenkollektionen mit einem guten Preis-Leistungsverhältnis. Wie Corona ihre Arbeit beeinflusst, was sie von dem enormen Warendruck hält und wie sich auf die nächste Order vorbereitet, verrät die Düsseldorferin hier im Interview.

Welches sind derzeit die brisantesten Themen aus Ihrer Sicht als Vertriebsagentur?

Birgit Wissemann: Anfangs sind natürlich sehr viele Fragen auf uns eingeprasselt, aber mittlerweile ist aus den meisten Themen die Brisanz schon wieder ein bisschen raus. Wir haben uns mit Lieferanten wie Kunden der neuen Situation gestellt und Antworten gefunden. Wir wissen heute, dass es keine Stornierungswelle für Herbst 2020 gibt. All meine Brands können die georderte Ware für diesen Herbst sowohl produzieren als auch liefern. Es wurden auch nicht alle Zahlungen eingestellt, nicht zuletzt, weil es schnelle Hilfen gibt –  wenn auch, wie es im Moment aussieht,  leider nicht für alle.

Macht Sie das nervös?

Mich beschäftigen natürlich zwei Dinge besonders: Erstens, wann es weitergehen wird – und wie? Und schließlich der auch menschlich sensibelste Punkt: Wer wird es nicht schaffen? Darauf haben weder ich noch andere jetzt verlässlich Antworten.

Erst später wird sich dann unter anderem noch die Frage stellen, ob sich beispielsweise der Lieferrhythmus und damit auch der Orderrhythmus künftig ändern werden? Diese Themen sind für mich aber eher positiv belegt, zumal ich da einen großen Konsens und die Chance auf Veränderung sehe.

Wie werden Sie die nächste Saison bestreiten, wenn Messen nicht stattfinden werden, so wie es im Moment aussieht?

Meinen Showroom in Düsseldorf betreibe ich ganzjährig, dadurch bin ich weniger von Messen abhängig. Selbst wenn nicht alle Kunden die Möglichkeit in Anspruch nehmen, verteilt über einen Zeitraum von sechs Wochen Einzeltermine wahrzunehmen, kann ich wie schon in der Vergangenheit Kunden vor Ort besuchen. Aufträge lassen sich auch gut über Fotos, Video, Linesheets oder b2b machen. Da werde ich so gut wie möglich individuell auf meine Kunden eingehen.

Was ist die größte Herausforderung aktuell?

Nicht zu wissen, was morgen ist. Als Agentin bin ich ganzjährig durchgetaktet, jeder Monat ist verplant. Seit über 25 Jahren lebe ich diesen Rhythmus, und es ist wirklich herausfordernd, nicht zu wissen, wann und wie es weitergeht.  Aber so geht es ja uns allen.

Im Moment sprechen alle von buy local. Ist das ein kurzfristiges Phänomen von Corona, oder wird sich möglicherweise langfristig was ändern in die Richtung, dass lokale Geschäfte und Brands einen Aufschwung erfahren?

Die Branche erlebt gerade eine wahre Solidaritätswelle! Ich glaube schon, dass nun viel mehr Menschen bewusst geworden ist, wie dankbar wir alle für das vielfältige Angebot in der eigenen Stadt sein können und wie bereichernd die persönlichen Kontakte sind, die dadurch entstehen.

Wenn wir länger mit den Beschränkungen leben werden, könnte sich das sogar noch festigen. Dazu kommt:  Viele meiner Kunden haben sehr schnell und viel intensiver Social Media genutzt als vor dem Shutdown. Es wurde zwar improvisiert, aber meist sehr persönlich und authentisch Ware über Instagram, Whatsapp, Telefon etc. angeboten. Und was soll man sagen? Es funktioniert! Das motiviert meine Kunden unübersehbar, und sie erleben auch ihre Kundinnen nochmal ganz neu. Der persönliche Kontakt, das ist der Schlüssel.

Was halten Sie von der Diskussion um nach hinten rückende Liefertermine?

Sehr viel! Die Liefer-und Reduzierungsrhythmen sind stets ein wichtiger Punkt für mich bei der Auswahl meiner Labels.  Zu viele Liefertermine halte ich für unnötig.  Und angefangen beim Designer bis hin zum Konsumenten: Alle leiden unter dem Warendruck. Das ist eine totale Überforderung, auch für die Umwelt. Es werden zudem falsche Signale in den Markt gesendet, wenn Reduzierungen von Sommerware im Mai  beginnen. Da spielt eine ganze Branche mit ihrer Glaubwürdigkeit und sorgt so selbst für den Werteverfall der Ware, von der wir alle leben.

Hat Corona Auswirkungen auf Ihre Arbeit als Agentur-Inhaberin?

Ja, auf jeden Fall. Eigentlich wäre ich seit gestern auf Tour, geplant war eine zweiwöchige Kundenreise in den Norden. Die musste ich nun auf unbestimmte Zeit verschieben und sitze jetzt stattdessen wie fast alle im Home Office. Viele Abläufe sind ins Stocken geraten, ich schaue zurzeit nur von Tag zu Tag.

Das bedeutet: Flexibel bleiben, sich anpassen und einen kühlen Kopf bewahren – was nicht immer so einfach ist. Ich musste alle bereits gebuchten Leute für die Messen erstmal vertrösten, und ab dem 1. August wollte ich sogar jemanden in Vollzeit einzustellen. Das habe ich auf Eis gelegt. Nicht zu wissen, wie und wann es für uns alle weitergeht, belastet mich. Daher suche ich den Kontakt und führe viele, sehr lange und intensive Gespräche.  Mit meinen Kunden, mit meinen Labels, mit Kollegen und meinen Mitarbeiterinnen.  Alle nehmen sich dafür gerade mehr Zeit und haben auch erkennbar Bedarf, sehr offen zu sprechen. Dadurch entsteht noch mal eine ganz neue Nähe. Ich erfahre viel Wertschätzung, und das beglückt mich wiederum richtig.

“Wir produzieren schon mal jede Menge blaue Ballkleider für President Joe Biden’s Inauguration”

Mit ihren extravaganten Abendkleidern hat Talbot Runhof eine internationale Fan-Gemeinde. Nach München, Düsseldorf und Berlin hat die Münchner Marke gerade einen Store in Zürich eröffnet. Dass Events und Parties wegen Covid 19 erst einmal lange Zeit nicht stattfinden, trifft Talbot Runhof schwer. Was das für sie bedeutet und wie sie mit der Situation umgehen, erklären Adrian Runhof und Johnny Talbot im Gespräch mit spielerweekly.

Aktuell liegen die Nerven bei allen blank. Händler fordern mehr Valuta, Stornierungen von aktueller Herbstware, Rücknahmen. Wie geht Talbot Runhof mit diesen Forderungen um?

Wir waren nur mit sehr wenigen solcher Wünsche konfrontiert, und das auch nur ganz am Anfang der Krise, als ein paar Handelslobbyisten lautstark falsche Begehrlichkeiten weckten. Die meisten unserer Kunden wissen, dass sie ihre Ware irgendwann brauchen, und diese demzufolge auch irgendwann abnehmen und bezahlen müssen. Über Lieferzeiten kann und konnte man schon immer sehr gut mit uns reden, denn gerade wir sind mit unserer Made-In-Germany-Produktion da sehr flexibel. Deshalb werden wir jeden Kunden Just-in-time beliefern, also dann, wenn er die Ware wirklich braucht – auch wenn wir dafür die Liefertermine bis November, Dezember verschieben müssen. Dann ist auch Valuta kein so großes Thema mehr, denn auch hier setzt sich die Einsicht durch, dass Cash Flow für den Händler genauso wichtig ist wie für den Lieferanten.

Was sind aktuell die brisantesten Themen?

Wann geht es weiter, wann werden die Kunden wiederkommen, was werden sie nachfragen, und halten wir solange durch…

Talbot Runhof betreibt auch eigene Läden. Was bedeutet die Verlängerung des Shutdowns für Sie?

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter trifft es am härtesten, denn die sind größtenteils in Kurzarbeit und müssen entsprechende Einkommenseinbußen hinnehmen. Leider haben wir nicht die finanzielle Kraft diese auszugleichen, da wir mitten in der Vorfinanzierung der Herbst-Winter-Saison stecken. Aber nicht nur für sie zählt jeder Tag, den sie wieder voll arbeiten können. Wir haben eine tolle Kollektion in den Läden hängen, in der wir so gut wie noch nie auf den Punkt gebracht haben, was man sich für Events und Festivitäten im Frühjahr und Sommer wünscht. Wenn das alles hängen bliebe, wäre das eine Tragödie.

Im Moment wird viel über Entschleunigung diskutiert. Armani fordert weniger Kollektionen, spätere Liefertermine, kontrollierte Reduzierungen. Wie beurteilen Sie diese Diskussion?

Wir arbeiten schon seit einiger Zeit daraufhin, uns auf zwei Kollektionen pro Jahr mit je zwei saisongerechten Lieferterminen zu beschränken. Große internationale Kunden wie Net-a-Porter, Harrods, Nordstrom und Saks Fifth Avenue erzielen aber regelmäßig mit sehr frühen Lieferungen extrem gute Abverkäufe, daher bieten wir ihnen diese auch an. Wenn man im internationalen Kontext arbeitet, muss man anerkennen, dass das bisherige System für viele Beteiligte große Vorteile hat(te). Unsere Herausforderung besteht Saison für Saison in hohen Abverkaufsquoten, geringen Restanten und vernünftig gehandelten Reduzierungen. Bisher haben wir das immer hingekriegt, warum nicht auch in Zukunft?

Der US-Markt ist für Talbot Runhof neben dem deutschen der wichtigste. Wie planen Sie dort die nächste Saison?

Wir produzieren schon mal jede Menge blaue Ballkleider für President Joe Biden’s Inauguration…

Apropos Planung: Wie erstellt man eine neue Kollektion in Zeiten von Corona?

Ganz ehrlich? Erst einmal gar nicht. Die meisten Anlässe, zu denen unsere Looks getragen werden, werden zur Zeit abgesagt oder verschoben, deshalb sind unsere Kunden bestimmt bis Ende des Jahres mit Ware eingedeckt. Wenn die Läden wieder aufmachen, müssen wir erstmal ein Gefühl dafür bekommen, wohin die Reise geht und welche Kundinnen mit welchen Wünschen zu uns kommen. Wenn sich dieses Gefühl bei uns einstellt, kommt die Kollektion von ganz alleine und mit ihr das Timing für die Präsentation.

Johnny Talbot und Adrian Runhof. Foto: Alex Waltl

“Wir arbeiten aktuell an der Saisontaktung, um näher am Markt zu sein”

Comma ist mit 2500 Kunden, 120 Mono-Stores und zwölf Kollektionen im Jahr ein echtes Schwergewicht in der DOB. Wie das Unternehmen zu der Diskussion über Lieferrhythmen und Saisontiming steht, wie es mit seinen Partnern aktuell die Krise angeht und was es durch Covid 19 gelernt hat, verrät Comma-Geschäftsführerin Sonja Balodis im Interview.

Im Zuge der Corona-Krise wird das Saisontiming viel diskutiert, eine Anpassung des Saisontimings an die Jahreszeiten gefordert. Wie stellt sich Comma dieser Diskussion als Monatslieferant?

Sonja Balodis: Die aktuelle Entwicklung der COVID-19 Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen im alltäglichen Leben haben sowohl unsere Partner auf der Handelsseite als auch uns in der Industrie hart getroffen und stellen uns täglich vor neue herausfordernde Entscheidungen.  Wir haben für unsere Partner ein spezielles Maßnahmenpakte geschnürt, um ihnen den Druck etwas zu nehmen. Nur gemeinsam können wir jetzt auf die Situation reagieren, um die Grundlagen zu schaffen, auch in Zukunft handlungsfähig zu bleiben.

Verzichten Sie aktuell auf die Auslieferung gewisser Liefertermine?

Ja, die April-Saison wird nur noch in unseren eigenen Kanälen ausgeliefert. Unsere Partner haben jedoch die Möglichkeit, die Kollektion voraussichtlich ab KW 17, also nächster Woche, von unserem Kundenlager individuell zu ordern.

Ein anderes heißes Thema ist der immense Warendruck im Markt. Kommen Sie Ihren Kunden bei der Order für gewisse Monatstermine – also Orderstornierungen – entgegen?

Diese Maßnahme ist ebenfalls Teil unseres Pakets. Wir konnten auf die Liefertermine Juli und August noch Einfluss nehmen und haben diese teilweise gekürzt.

Was sind aktuell die Steps, an denen Sie arbeiten?

Aktuell arbeiten wir unter anderem an der Anpassung der Saisontaktung, um näher am Markt zu sein.

Was wird die größte Herausforderung der nächsten Monate sein?

In dieser Zeit spüren wir vor allem, wie groß unser Zusammenhalt im Team ist. Wir holen uns beispielsweise in täglichen Stand up-Meetings zu der aktuellen Lage ab, tauschen uns aus und stärken uns gegenseitig.

Gibt es etwas Positives, das Sie aus der Corona-Krise mitnehmen?

Bei uns ist es vor allen Dingen die Digitalisierung. Wir arbeiten gerade mit Hochdruck an Themen wie 3D Produktentwicklung und digitalen Showrooms. Außerdem haben wir in den vergangenen Wochen gesehen, dass die digitale Kommunikation via Videokonferenzen mit Partnern oder Kollegen hervorragend funktioniert. Diese Möglichkeit werden wir definitiv weiter stärker einbinden.

“Wir verstehen die Zeit als eine Chance, Kunden über unseren Online-Shop und eine gute User-Experience an uns zu binden”

Modehaus Schnitzler ist seit 125 Jahren ein Familienunternehmen in Münster. Das Sortiment umfasst DOB, HAKA und Kindermode. Inhaber Andreas Weitkamp über die Lernkurve mit Social Media, was er von der Entschleunigungsdiskussion in der Mode hält und warum er an Qualität und Marke festhält.

Vier Wochen Shutdown heißt vier Wochen Laden zu. Wie geht es Ihnen damit?

Andreas Weitkamp: Wir waren wohl verhältnismäßig gut auf die Situation vorbereitet, da wir sehr gute Kontakte zu unseren italienischen Lieferanten pflegen und klar war, dass Corona auch an uns nicht spurlos vorübergehen wird. Insofern haben wir schon in einem frühen Stadium verschiedene Eskalationsstufen durchgespielt. In dem Moment, als der Shutdown auch in Nordrhein-Westfalen kam, haben wir sofort alle Mitarbeiter, die mit den Programmen zur Bildbearbeitung und Texten umgehen können, dem Online-Team zugeordnet und damit das Team verdoppelt, um dort direkt in den Vollgas-Modus zu gehen.

Welche Social Media-Strategie fahren Sie dabei?

In der ersten Woche haben wir uns erst einmal um unsere Mitarbeiter gekümmert. Als die Frage aufkam, was ihnen am meisten fehlt, war schnell klar, dass es die Kunden und Kollegen waren. Im ersten Schritt ging es ausschließlich um Zusammenhalt. So kamen wir auf die Idee mit einer virtuellen Kaffeepause. Danach haben wir begonnen, unseren Mitarbeitern zum Geburtstag per Social Media zu gratulieren. Wir haben zunächst bewusst das Gegenteil von aktivem Verkaufen gemacht und das Kollektiv gesucht, ganz bewusst nicht ans Verkaufen gedacht. Das Wichtigste (und gleichzeitig das Schwierigste) war und ist, dass man total authentisch bleibt. In der dann folgenden Phase haben wir angefangen, über Bewegtbild und neue Warenzusammenstellung (Stichwort: neuer Business Look im Home office!) erste Kauf-Impulse zu setzen. Parallel dazu stellen wir jetzt, auch sehr privat formuliert, unsere Führungskräfte vor…die Texte zu jedem schreibe ich abends selbst.

Und gab es auch Synergieffekte mit Ihrem Online-Shop?

Tatsächlich läuft online seitdem sehr gut. Die steigenden Followerzahlen auf Social Media haben sicher ihren Teil dazu beigetragen. Instagram und auch mit Abstrichen Facebook sind das Schaufenster der Zukunft. Vor einigen Wochen hatten wir an einem Montag vielleicht fünfzehn Bestellungen über unseren Online-Shop, jetzt sind es um die 60. Am Osterwochenende hatten wir deutlich über 100, die wir bearbeitet haben.

Parallel haben wir ein Mailing an unsere Stammkunden verschickt, wobei wir hier merken, dass unsere treuen Stammkunden eher mit uns telefonieren wollen. Allein am Ostersamstag hatten wir 55 Anrufe, die gerne per Facetime oder ähnlichem beraten werden wollten. Dies machen wir jetzt auch schon seit gut zehn Tagen, und auch das wird sehr gut angenommen.

Interessant, ich hätte eher erwartet, dass die Menschen jetzt andere Sorgen als Shoppen haben.

Das hat mich tatsächlich auch überrascht. Besonders war der Samstag vor dem Lockdown. Da haben wir in der HAKA unser Vorjahr geschafft, in der DOB deutlich nicht. Das spricht tatsächlich dafür, dass unsere Kundinnen erst mal gucken mussten, wie sie ihren Alltag organisieren, ohne Schule, Kinderbetreuung, dafür jetzt mit Kindern im Homeoffice – die Männer waren da offenbar nicht so von berührt. Ich weiß jetzt nicht, wie ich das finden soll (lacht).

Inzwischen ist Shoppen vielleicht ein Stück Belohnung oder Ablenkung in all dem Trubel. Zur Ehrlichkeit gehört auch, dass wir momentan, also nur so lange das Geschäft geschlossen ist, einen Rabattcode online eingeräumt haben, der sich an die Nachlässe von unseren Mitbewerbern „anlehnt“. Wir verstehen die Zeit gerade als eine große Chance, Kunden über unseren Online Shop und eine gute User-Experience an uns zu binden. Insofern ist die momentane Situation auch eine tolle Chance, die Zeit für Werbung für uns zu nutzen. Ich bin ja immer dafür, die Chancen zu sehen und Dinge auszuprobieren.

Und was planen Sie, wenn Sie wiedereröffnen dürfen?

Unser Ziel ist, bis Ende Juli ohne Reduzierungen zu agieren. Wir werden sehen, ob das durchzuhalten ist. Gegenüber von unserem Geschäft ist AppelrathCüpper, die werden aufgrund ihrer aktuellen Situation eventuell schon bei der Wiedereröffnung mit Reduzierungen winken.

Viele sprechen jetzt von Entschleunigung mit weniger Kollektionen, späteren Lieferterminen. Was halten Sie von dieser Diskussion?

Prinzipiell spricht nichts dagegen, in Maßen. Wir fänden es gut, wenn Entschleunigung kleinere Kollektionen, straffere Liefertermine, kompaktere Orderreisen und eine deutliche Verschiebung der regulären Saison bedeutet. In Sachen Stilistik halten wir es aber mit Jörg Ehrlich von Odeeh, dass wir jetzt auch nicht ausschließlich rational sein dürfen. Mode lebt von Unvernunft, von Emotion – dies sollten wir uns unbedingt erhalten. Aber zehn Liefertermine braucht niemand mehr. Mehr Kreativität, mehr Handwerk, mehr Partnerschaft – das alles auf maximal vier Liefertermine verteilt – das wäre ein guter Schritt für unsere Branche.

Wie sieht es für Herbst aus? Haben Sie Ihre Order nachträglich reduziert, soweit möglich?

Wir stornieren nichts. Das geht gar nicht, wenn man Partnerschaft leben will. Aber wir erwarten im Gegenzug partnerschaftliche Angebote, Unterstützungen, etc. Das kann alles sein, aber wir lassen auch jetzt keinen Lieferanten im Regen stehen. Und das erwarten wir auch von der anderen Seite. Außerdem gehe ich davon aus, dass einiges gar nicht produziert werden kann – wir werden also sowieso weniger Ware bekommen als geordert.

Und wie gehen Sie in die bevorstehende Einkaufsrunde für Frühjahr/Sommer 2021?

Im Moment gehe ich davon aus, dass wir nicht vor Juli mit der Order beginnen werden. Die Pre-Spring-Kollektionen werden weitgehend entfallen. Dorothee Schumacher hat schon angekündigt, dass sie Pre und Main zusammenlegt. Das machen sicher viele andere Firmen ebenso. Alles andere wäre auch Unsinn. Wie wir das mit unseren italienischen Lieferanten wie beispielsweise Moncler und Etro machen werden, ist mir im Moment noch nicht klar. Da muss man jetzt sicher über digitale Ordermöglichkeiten reden. Die Möglichkeit eines Vertrauenslimit steht auch im Raum, das geht aber natürlich nur sehr begrenzt, wenn man so individuell arbeitet wie wir. Es geht aber nichts über ein persönliches Treffen. Das kann dann gerne in temporären Showrooms an den großen deutschen Standorten sein, wenn Mailand oder Paris nicht darstellbar sind. Düsseldorf und München stehen sowieso auf unserem Plan – ich kann mir aber auch sehr gut zwei extra Tage in Berlin vorstellen, wo größere Showrooms sicher mit der Messestruktur ideal zu verbinden wären.

Haben Sie nicht Sorge, dass die Menschen in der nächsten Zeit schlicht und ergreifend kein Nerv bzw. kein Geld für Klamotten haben werden?

Wichtig ist meiner Meinung nach eins: Gerade jetzt authentisch bleiben, seiner Philosophie absolut treu bleiben. Wir merken jetzt schon kleine Schimmer von Kauflust, sowohl online als auch in der 1 : 1 Beratung über Facetime oder ähnlichem. Unser Telefon im Laden ist jeden Tag besetzt, um Kundenwünsche aufzunehmen und Lieferungen zu organisieren. Innerhalb Münsters übrigens alles per Fahrrad, emmissionsfrei und mit Lieferung am selben Tag. Luxusmode ohne Handwerk, reine Marketing-Produkte werden sicher verlieren – das war aber noch nie unser Segment. Insofern tangiert uns das nicht so sehr. Wir werden weiterhin an der Philosophie unseres Hauses festhalten: Qualität und Marke!

Wovor haben Sie am meisten Respekt in den nächsten Wochen?

Ich glaube, das Schlimmste haben wir schon hinter uns (lacht). Im Ernst. Die Tage vor dem Shutdown, das große Thema Kurzarbeit, die Mitarbeiter in dieser schweren Phase mitzunehmen, für jeden individuelle Lösungen zu finden, dazu unser Online Team von heute auf morgen an fordernde Strukturen anzupassen, mit Vermietern zu verhandeln, sich selbst neu zu organisieren – das war ein Blindflug für uns alle, und wir wissen erst in zwei, vier oder sechs Monaten, ob wir richtig entschieden haben. Ab sofort müssen wir gucken, wie wir den Laden wieder in Schwung kriegen, wenn wir wiedereröffnen dürfen. Das wird sicher herausfordernd. Natürlich haben wir einen großen wirtschaftlichen Schaden, den wir dieses Jahr nicht mehr aufholen können, trotzdem denke und hoffe ich, dass wir da ganz gut rauskommen werden. Jetzt ist die Zeit, etwas auszuprobieren und nach vorne zu gucken.

“Die Kunden haben sicher keine Lust, etwas zu kaufen, was anstrengend ist”

Rieke Common von Maison Common wollte gerade zu einem amerikanischen Kunden nach New York fliegen, als ihr Flug wegen Corona gecancelt wurde. Wie sie in der aktuellen Herausforderung eine Kollektion entwirft und warum es in der nächsten Saison noch wichtiger wird, auf den Punkt zu sein.

Aktuell arbeiten Sie wie alle Kreativen an der Frühjahrskollektion 2021. Wie erstellt man eine Kollektion ohne Info-Reisen, Store-Checks, Fittings?

Rieke Common: Man muss sich schöne Gedanken machen! Im Kopf und auf dem Papier steht die Kollektion. Jetzt fehlen nur noch die Rohmaterialien. Wir telefonieren und mailen täglich mit unseren Lieferanten in Frankreich und Italien, die alle zu Hause sind. Ich habe ihre Privatadressen und schicke fleißig Arbeit, die sie dann hoffentlich gleich in Angriff nehmen, wenn sie wieder dürfen! 

Wenn die Kollektion dann wirklich fertig ist, müssen wir sie von oben bis untern fotografieren. Fotos, Videos, etc sind jetzt wichtig. Zur Not zieht die ganze Firma die Teile an! Wir sehen ja alle top aus…

Der Umfang der Kollektion hat sich natürlich auch reduziert. Liegt aber auch schlicht weg daran, dass für mehr gar keine Zeit bleibt. Außerdem  können wir uns vorstellen, dass die Kunden nach so einem Sommer keine große Lust haben, überhaupt etwas zu kaufen, was „anstrengend” ist. Also muss die Kollektion auf den Punkt sein. 

Haben Sie schon darüber nachgedacht, was Sie machen, wenn im Sommer keine Messen stattfinden dürfen?

Es gibt ja FaceTime, Skype und WhatsApp. Da fällt uns schon etwas ein, wie wir unsere Kunden erreichen können. Wir haben das Glück, dass wir eigene Showrooms in München und Düsseldorf haben. Sollte es also Beschränkungen geben, dann können wir wie beim Arzt Termine machen. Masken gibt es gratis dazu.

Sie waren gerade dabei, den amerikanischen Markt auszubauen. Wie geht es für Sie dort jetzt weiter?

Das wird sich zeigen. Im Moment wissen wir auch nicht mehr. Die großen Department Stores sind angeschlagen, das waren sie aber auch schon vor Corona. Ob sie die Krise überleben? Wäre sehr schade wenn nicht, da wir fünf Jahre daran gearbeitet haben, um aufgenommen zu werden. Auf der anderen Seite haben wir bewiesen, dass wir es können. Dann machen wir es eben noch einmal.  

Li Edelkoort ruft das Jahrhundert des Handwerks aus. Könnte davon eine Marke wie Maison Common profitieren?

Wenn Li Edelkoort das sagt, dann glauben wir mal fest daran. Wir würden uns freuen und ja, wir würden davon profitieren. 

Auf der anderen Seite steht zu befürchten, dass die Menschen sich durch die drohende Wirtschaftskrise nicht mehr so viel leisten können. Was bedeutet das für den Luxusmodemarkt und damit auch für Sie?

Ich habe das Gefühl, dass die großen Topmarken es gar nicht so stark spüren werden, weil sie ihre gigantischen Umsätze in China machen. Die Chinesen schütteln sich einmal, und dann geht das da drüben lustig weiter. 

Bei uns und in den USA sieht das schon ganz anders aus. Da werden wir noch besser und einfallsreicher sein müssen, um die Kunden zu locken. bzw  wieder Spaß an der Sache zu vermitteln. Wir müssen ganz eng mit unseren Handelspartnern zusammen arbeiten, weil wir alle im selben Boot sitzen. Und wer weiß, vielleicht hat der ein oder andere Kunde auch keine Lust mehr auf die großen Marken, die immer wieder die Budget erhöhen oder sie Teile kaufen lassen müssen, die sie eigentlich gar nicht verkaufen können. Vielleicht verschiebt sich da etwas? Und dann kommen wir ins Spiel.

Was stresst Sie zurzeit am meisten?

Die Produktionsstoffe für die Winterkollektion an Land zu ziehen.



“Es wird sicher viele Probleme geben, die wir jetzt noch gar nicht absehen können”

Claudia Flessa ist Inhaberin der Vertriebsagentur Flessa für hochwertige Labels. Reisen gehört für ihre Arbeit zum Tagesgeschäft. Wie sich sich die neue Orderrunde mit Corona vorstellen kann, warum sie sich in den nächsten Monaten vor allem als Vermittlerin sieht und wieso Entschleunigung für sie das neue Zauberwort ist, lesen Sie hier.

Als Vertriebsagentur arbeiten Sie seit vielen Jahren mit italienischen Brands. Wie ist die aktuelle Situation bei Ihren Lieferanten?

Claudia Flessa: Momentan arbeiten wir nur mit einem italienischen Brand: DROMe. Die Firma ist ein Familienbetrieb und produziert in der Toskana mit europäischen Materialen. Das heißt die meiste Rohware ist schon auf Lager oder wird geliefert, sobald wieder normal gearbeitet werden kann. Viele Teile waren schon vor dem Lockdown in Produktion, und sobald es eben geht, wird die restliche Produktion weitergehen. Stornierungen gibt es nicht – nur einen etwas späteren Liefertermin, also Ende Juli bis September statt Juni, was allerdings auch die meisten Kunden befürworten

Viele Firmen werden vermutlich nicht liefern können. Was hat das für Ihre Agentur für Konsequenzen?

Unsere Firmen werden liefern….nur eben etwas später. Bei 360 Cashmere ist zwar der Importeur in Italien, aber die Ware kommt wie vereinbart Ende Juli aus Los Angeles und kann Anfang, Mitte August ausgeliefert werden. Im Moment sind die einzigen Konsequenzen für uns, dass wir zwischen den Kunden und den Produzenten vermitteln bezüglich späterer Auslieferung auf Wunsch oder Valuta.

Die nächste Einkaufsrunde steht vor der Tür. Werden Sie überhaupt Kollektionen haben, die Sie verkaufen können? Und wie werden Sie sie verkaufen, wenn die ganzen Messen wegbrechen sollten?

Ja, wir werden Kollektionen haben und selbstverständlich auch darauf vorbereitet sein müssen, gegebenenfalls Aufträge online zu schreiben und die Kunden dann auch telefonisch beraten, zum Beispiel per Face Time. Falls wir dürfen, werden wir unsere Showräume in Düsseldorf bzw. München zu einem späteren Termin (falls es den geben wird) anmieten und Termine vereinbaren. Ansonsten werden wir auch viel von unserem Showroom arbeiten und entsprechend Einzeltermine vereinbaren. Außerdem könnten wir Kunden Haustermine anbieten und zwei bis drei Wochen mit den Kollektionen reisen, falls es keine andere Ordermöglichkeit geben sollte. Das ist für uns gut machbar, da wir ja hauptsächlich Cashmere und Kleider verkaufen. DROMe, Hayley Menzies und Dualist können wir auch online verkaufen oder dann eben später in den Showrooms in Mailand und Paris, falls das wieder möglich sein sollte… Die Premium in Berlin werden wir diese Saison nicht machen.

Es gibt zurzeit viele Stimmen, die nach Entschleunigung rufen, nach weniger Kollektionen, späteren Lieferterminen. Utopie oder Wirklichkeit?

Das ist genau meine Meinung! Wir haben viel zu viele Kollektionen und dementsprechend zu viele Messe- und Ordertermine. Unsere Kunden müssen fast ganzjährig zu irgendwelchen Orderterminen und können nicht im Geschäft sein, Ware wird viel zu früh geliefert und viel zu früh reduziert. Ich habe noch nie verstanden, warum wir Wintermäntel unbedingt im Juni/Juli liefern müssen, um sie dann, wenn die Temperaturen dementsprechend sind, zu reduzieren und Geld zu verlieren. Wir müssen unbedingt zurück zu einer „normalen“ Saison und am liebsten auch mit Gesetzen, ab wann reduziert werden darf. Dann gibt es vielleicht auch irgendwann mal wieder eine Wertschätzung der Ware, der Designer… wenn wir nicht mehr mit Lieferungen und Kollektionen überflutet werden…. und vielleicht auch für alle ein „Durchschnaufen“, eine „Zwischensaison“ so wie früher, wo wir nicht schon wieder im Mai bzw. Dezember mit Vorkollektionen begonnen haben. Ja, das Zauberwort ist für mich tatsächlich „Entschleunigung“!

Wird die Corona-Krise ein neues, ernsthafteres Konsumverhalten auslösen? Oder suchen die Menschen nach Ablenkung, Zerstreuung?

Das ist schwer zu sagen…. Ich glaube, dass es beides geben wird. Persönlich wünsche ich mir ein ernsthafteres Konsumverhalten in jeder Hinsicht. In Hinblick auf die Mode bin ich der Meinung, dass Mode der Ablenkung und Zerstreuung dient – gerade nach schweren Zeiten, und vor allem nach Wochen zuhause im Jogginganzug.

Was sind für Sie die größten Herausforderung der nächsten Monate?

Wir als Agentur werden versuchen, so gut es geht zwischen Kunden und Produzenten zu vermitteln, zu unterstützen, etc. Es wird sicherlich noch viele Probleme geben, die wir jetzt noch gar nicht absehen können…. Zu viel Ware, zu wenig Ware, spätere Zahlungen, ordern – wie, wann, wo?– etc… Wir müssen flexibel sein, uns neue Wege, Strategien überlegen, anders- bzw. umdenken. Raus aus dem alten Trott, Ärmel hochkrempeln und los geht’s! Wir sind dafür bereit!

“Aufgeblasene Marketing-Labels werden verschwinden”

Modehaus Fischer mit Geschäften in Singen und Konstanz am Bodensee ist eine Institution für hochwertige Designermode. Petra und Oliver Fischer führen das Unternehmen in vierter Generation. Wie sie die Krise empfinden, warum die Post-Corona Welt Luxusmarken mit neuen Augen sehen wird und welche Schlüsse sie für ihre Häuser ziehen, verraten die Beiden in dem folgenden Interview.

Im Unterschied zu vielen Ihrer Kollegen halten Sie sich auf Instagram erstaunlich zurück. Keine Live Verkaufs-Shows, keine Live Interviews. Passt das nicht zu Fischer?

Zurückhaltung auf Instagram heißt nicht, dass wir uns nicht um unsere Kunden kümmern. Wir und unser Team haben gemeinsam entschieden, keine Live-Shows oder anderes zu machen. Es gibt Geschäfte, die so etwas schon länger und sehr professionell machen, dort wirkt es glaubwürdig. Man sollte es jedenfalls nicht aus der Not herausmachen, sondern mit einem eigenen Konzept. Es geht ja im Moment auch weniger darum, seinen Kundenkreis zu erweitern. Deswegen setzen wir auf unsere Stammkunden, mit einem Großteil dieser haben wir einen sehr persönlichen und freundschaftlichen Kontakt, und genau, wie man sich jetzt um seine Familie kümmert, liegt unser Fokus in einem “Caring“ um unsere Kundenfamilie.

Diese ungeahnt mächtige Krise hat eine zerstörerische Kraft, sie zerstört Gewohnheiten und Strukturen in einer nie dagewesenen Form. Sie betrifft alle Bereiche unseres Lebens. Vielleicht ist sie aber auch notwendig, um Neues zu schaffen und Dinge zu verändern und uns die Augen zu öffnen für Reformen, die schon länger in der Luft liegen. Auch neue Energien und Kräfte werden freigesetzt, denn wir müssen uns verändern und wandeln. Diese Pandemie zeigt uns weltweit, dass es Grenzen gibt, und das das Wertvollste, was wir haben, unserer Gesundheit ist neben Familie und Freunden.

Durch diesen Wandel entsteht eine neue, eine andere Zukunft, aber es geht weiter. Die Welt hält den Atem an. Aber wie sagte Queen Elizabeth II. : We will meet again!!!!!

Höher, schneller, weiter. Giorgio Armani hat aktuell zur Entschleunigung aufgerufen. Weniger Kollektionen, andere Lieferrhythmen. Ist das ein romantisches Wunschkonzert, oder steht die Modebranche tatsächlich vor einem tiefgreifenden Wandel?

Corona zwingt die ganze Industrie und auch den Handel weltweit zum Umdenken. Wie sagte schon Max Frisch: “Krise kann ein produktiver Zustand sein. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.” Das heißt: Wir sollten uns Gedanken machen, dass der grenzenlose Konsum, schnelllebige und zu viele Kollektionen uns schon in normalen Zeiten an Grenzen haben stoßen lassen. Deswegen steckt in dem, was Herr Armani formuliert hat, viel Wahrheit. Es wäre in dem Fall kein Rückschritt, sondern ein längst nötiger Fortschritt für alle. Wir brauchen in nächster Zeit viel Kraft, Durchhaltevermögen und Flexibilität, um uns neu zu orientieren – und das in jedem Glied der Wertschöpfungskette.

Werden Sie sich bei der Order für Frühjahr/Sommer 2021 konzentrieren? Bzw. möglicherweise Kollektionen sogar weglassen?

Für uns im Vordergrund stehen unsere langjährigen, verlässlichen Partner, die auch in Krisenzeiten da waren und sind. Sie werden auch weiterhin in unseren Sortimenten klar vertreten sein. Außerdem muss man sehen, wie die Firmen mit dem Wandel umgehen. Wer sich nicht wandelt, kann aus unserem Sortiment verschwinden. Eine partnerschaftliche Zusammenarbeit wird unabdingbar werden. Das Risiko muss wieder gerechter verteilt werden und nicht allein beim Handel liegen. Unsere Selektion wird noch reflektierter sein.

Wird es Luxusmode durch die Corona-Krise und deren wirtschaftliche Folgen schwerer haben? Falls ja, hat das zur Folge, dass Sie einen anderen Sortimentsfokus setzen? Mehr auf Einstiegspreislagen?

Die Post- Corona Welt wird Luxusmarken mit neuen Augen sehen. Wir müssen uns auf die Wünsche und Bedürfnisse einer neuen Welt einstellen. Das heißt aber nicht, dass das zwingend über Einstiegspreislagen geschehen muss, sondern die nächste Orderrunde wird in jeder Preislage noch selektiver und überlegter werden. Auch neuen Dingen eine Chance zu geben wird wichtiger, Altes weglassen ebenso.

Eines ist sicher: Aufgeblasene Marketing-Labels werden verschwinden und keine Chance mehr haben. Nachhaltigkeit, Handwerk und eine authentische Heritage sowie echte Qualität, die in Europa gefertigt ist, wird wieder gefragter werden. Das lag schon vorher in der Luft. Sinnvoller Luxus wird bleiben, das möchte der Mensch, um sich von Zeit zu Zeit zu verwöhnen. Zu viele teure Fashion Weeks und Fashion Shows brauchen nachhaltige Alternativen. Orderrhythmen müssen besser koordiniert und weniger aufwendig werden.

Was ist die größte Challenge der nächsten Monate?

Die Ruhe zu bewahren, was Reduzierungen und den Umgang mit den Saisons angeht. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit aller Parteien, Lieferanten, Händler, Kunden. Die Menschen sollten lernen bewusster einzukaufen, bewusster zu leben, bewusster zu konsumieren. Das heißt nicht verzichten, sondern differenzieren und qualitätvoll in jeder Hinsicht agieren. Genau dieses gilt auch für Produktion und Handel. Dazu gehört das Wiedererlernen von Verantwortungsbewusstsein in unserer Branche und auch eine gesunde Balance von Umsatzerwartungen und Anforderungen seitens der Lieferanten an den Handel.

Wie schafft man es, die Begehrlichkeit für Mode weiterhin aufrechtzuerhalten?

Mode ist etwas Tolles. Sie gibt den Menschen ein gutes Gefühl! Das bleibt auch in Krisenzeiten wichtig, nur mit neuen Augen gesehen. Unsere Aufgabe, die wir auch schätzen sollten, ist darauf mit Feingefühl und Flexibilität zu reagieren – kreative und materielle Qualitäten bieten, die diesem neuen Geist entsprechen. Die Begehrlichkeit werden wir durch Glaubhaftigkeit und Authentizität unseres Familienunternehmens  vermitteln, mit ebenso glaubhaften Partnern, die dasselbe Verständnis haben wie wir.

“Die Leichtigkeit in der Mode und unserem Leben sollte nicht ganz verschwinden”

Ina Eusterhus betreibt zusammen mit ihrem Mann Michael Menke in zweiter Generation das Modegeschäft Eusterhus in Gütersloh. Wie sie zurzeit im Austausch mit ihren Kunden stehen, sich auf die Zeit nach dem Shutdown vorbereiten und warum zu viel Ernsthaftigkeit der Mode nicht gut tun würde.

Ihr Mann hält zurzeit auf Instagram den Kontakt zu Ihren Kunden, immer mit einem Augenzwinkern. Wie ist die Resonanz Ihrer Kunden? Dient dieses Tool vor allem dazu, mit Ihren Kunden im Dialog zu sein, oder verkaufen Sie tatsächlich auf diesem Weg?

Der Kontakt und die Ansprache über Instagram und Facebook wird von unseren Kunden sehr positiv aufgenommen. Die Bilder und kleineren Videos sollen Ideen und Anregungen liefern. Bei Interesse melden sich unsere Kunden dann – und so kommt es auch zum Verkauf. Auf Wunsch liefern wir die Pakete nach Hause. Es ist im Moment extrem wichtig, den Kontakt zu unseren Kunden zu halten.

Nachdem Österreich die Lockerungen ab dem 14. April bekannt gegeben hat, hofft auch Deutschland, dass zumindest die kleineren Geschäfte wieder aufmachen dürfen. Haben Sie schon Ideen, wie Sie nach dem Lockdown weitermachen werden?

Wir freuen uns schon jetzt auf den Tag, wenn wir wieder öffnen dürfen, auch wenn wir bis jetzt nicht wissen, wie die Bedingungen aussehen werden. Die Anforderungen, in zwei Teams zu arbeiten, können wir erfüllen. Auch um Masken für unsere Mitarbeiter haben wir uns gekümmert. Abstand halten und Desinfektion gehören schon längst zur Routine.

Die Sorge ist groß, dass der Handel im Mai sich Rabattschlachten liefern wird. Sind Reduzierungen nicht unvermeidbar, wenn die Ware raus muss, weil die nächsten Lieferungen schon ins Haus stehen?

Auf dem Markt herrscht ein gewisser Warendruck, das ist Fakt. Viele unserer Lieferanten haben aber die Liefertermine der Pre-Kollektionen schon vier bis sechs Wochen nach hinten geschoben, was ich für sinnvoll halte. Aufgrund des letzten warmen Sommers gibt es viele sommerliche Themen wie Shorts, T-Shirts und Kleider. Diese Ware sollte man regulär verkaufen. Schließlich steht der Sommer erst vor der Tür. Die Frage ist: Helfen die ewigen Reduzierungen wirklich, um Liquidität zu schaffen? Auf Dauer bestimmt nicht.

Durch Corona steht eine Wirtschaftskrise zu befürchten und damit die Sorge, dass das Geld bei den Menschen für Mode noch weniger locker sitzt als davor. Planen Sie für die nächste Orderrunde Sortimentsveränderungen hinsichtlich Preisen, Lieferterminen, Brands?

Natürlich stellen wir uns die Frage, wie sich die Konsumenten bzw. das Einkaufsverhalten durch die Wirtschaftskrise verändern. Wir möchten weiterhin anspruchsvolle und wertige Produkte anbieten, wo das Preis-Leistungsverhältnis passt. Was wir genau verändern müssen, lernen wir vermutlich in den ersten Wochen nach der Wiedereröffnung. Sicher kann man aber sagen: Die Liefertermine sollten schon etwas besser zu den Jahreszeiten passen. Den dicken Winterparka im Juli brauchen wir nicht.

In wenigen Wochen steht die Order der Pre-Kollektionen der Premium- und Designerkollektionen ins Haus. Werden Sie diese in dieser Saison überhaupt kaufen?

Die Frage ist, ob die Firmen diese Kollektionen überhaupt verkaufen werden. Dorothee Schumacher zum Beispiel fasst die Pre- und Main-Collection zu einem Termin zusammen. Das ist eine gute Entscheidung. Vermutlich werden Mitbewerber es ähnlich machen.

Armani, Li Edelkoort, Matthias Horx, sie alle prognostizieren eine Entschleunigung und neue Ernsthaftigkeit. Wird sich das auch in der Mode niederschlagen?

Es wird sich vieles verändern. Wir werden achtsamer mit unserem Leben und den Ressourcen umgehen. Vielleicht wird der Modezirkus nicht mehr um die ganze Welt jetten. Etwas Entschleunigung würde uns gut tun, zu viel Ernsthaftigkeit allerdings nicht. Mode sollte immer auch Freude und Emotionen bieten. Die Leichtigkeit in der Mode und auch in unserem Leben sollte nicht ganz verschwinden.

Gibt es etwas, das Sie aus der Corona-Krise mitnehmen?

Für uns als Einzelhändler ist diese Krise eine Prüfung. Wirtschaftlich gesehen ist es ein Verlust. Auf der anderen Seite habe ich viel Mitmenschlichkeit, Aufmunterung und Empathie erfahren, von meiner Familie, meinen Freunden, von unserem Team, unseren Kunden und Geschäftspartnern. Viele Menschen lernt man neu kennen – der Blickwinkel ist ein anderer geworden.

“Ich mache einfach weiter, ohne zu wissen, wie es in acht Wochen aussieht”

Mit ihren bunten, gemusterten Seidenkleidern ist Anni Carlsson bekannt geworden. Seit Februar macht die Hamburger Designerin Annika Schwieger mit QVC die Zweitlinie Anni for Friends. Als sie gerade damit auf Sendung ging, kam Corona. Was das für sie bedeutet, warum sie jetzt auf moderate Preise setzt und weshalb sie in diesem Frühjahr ihre Erstlinie Anni Carlsson erst gar nicht ausgeliefert hat, verrät sie hier im Interview.

Sie haben gerade eine neue Kollektion mit QVC gestartet, da kam Corona dazwischen. Hat sich das auf die Zusammenarbeit ausgewirkt? Wenn ja, inwiefern?

Annika Schwieger: Sagen wir einmal so. Es ist natürlich kein glücklicher Zeitpunkt. Aber ich muss wie damals bei Anni Carlsson jetzt bei Anni for Friends das Vertrauen der Kunden gewinnen. Jeder, der in der Branche ist, weiß, dass dies nicht über Nacht geschieht. Da hilft QVC als Unternehmen mit seinen großzügigen Leistungen in Lieferung, Bezahlung und Retouren sehr. Ich freue mich über diesen Distributionskanal.

Parallel dazu machen Sie ja noch eine hochwertige Kollektion für den Fachhandel. Wie ist da der aktuelle Stand?

Hier waren wir schon sehr früh betroffen durch die Corona Situation in China. Ich arbeite mit einer kleinen Manufaktur in China, außerhalb von Hong Kong, die hauptsächlich für uns nähen. Ich war sehr betroffen zu hören, dass es noch schwerer war, die Näher nach dem Chinese New Year zurückzuholen. Hier hatte Corona schon einiges blockiert, und die Preise gingen nach oben. Ich musste mich im Januar dazu entschließen, das erste Mal in zehn Jahren, die Saison nicht zu produzieren. Ich habe all unsere Kunden darüber informiert, da wir unter anderem unsere Liefertermine nicht hätten halten können und ich einen unfassbaren Aufpreis bezahlt hätte. Es war eine sehr schwere Entscheidung. Heute – nur einige Wochen später, bin ich froh! Es war eine gute Entscheidung. Ich möchte jetzt nicht in der Haut von anderen Lieferanten stecken, die jetzt produzieren und dann ab Juli ausliefern – an all die Händler, die jetzt Wochen Ihre Geschäfte geschlossen haben. Was passiert mit der Ware, die jetzt in den Läden hängt (teilweise ja auch noch gar nicht bezahlt), und dann weiß niemand so recht, wie das Konsumverhalten der Verbraucher einzuschätzen ist. Ich habe jetzt bei Anni Carlsson ein Sofortprogramm auf den Weg gebracht. Es wird bei uns im Juli , August im Lager sein, allerdings in einer Kunstfaser und nicht mehr aus reiner Seide. Ich habe mich entschieden, etwas Neues auszuprobieren, da auch wir gespürt haben, dass die Kundinnen bei uns diese Preislagen nicht mehr bezahlt haben.

Nehmen Sie für die neue Frühjahrssaison 2021 irgendwelche Änderungen an der Kollektion vor?

Ja, auch hier ändern wir komplett die Qualität und gehen auf die Kunstfaser, aber dafür in einer sehr guten Preislage. 159-300 Euro VK und eine 3.0 Marge für den Handel. Wir gehen auf sehr ausgewählte Looks, zum Beispiel auch Jeans zu den nach wie vor besonderen und fröhlichen Drucken. Es wird zwei bis drei Liefertermine geben. Das werden wir jetzt in den nächsten vier Wochen entscheiden.

Wie Sie schon gesagt haben, Sie produzieren viel in China. Wie ist dort die Situation aktuell?

Wir produzieren 90% in China. Hier läuft alles wieder langsam an, und darüber bin ich sehr froh. Meine Partner sind alle gesund und wohlauf, aber die Kapazitäten sind noch lange nicht dort, wo sie vor der Krise waren. Aber das, was alle dachten im Dezember und Januar – das jetzt die Lieferanten zum Produzieren nach Italien und in die Türkei gehen – ist wegen Corona nicht eingetreten. Es ist eine so VERrückte Zeit im wahrsten Sinne des Wortes. Jetzt ist bei uns alles lahm gelegt, und in China läuft es wieder langsam an… aber wer weiß, was in acht Wochen ist? Ich mache einfach weiter – langsam, vorsichtig – aber ohne zu wissen oder auch nur eine Ahnung zu haben, wie es im Sommer aussehen wird.

Was ist zurzeit für Sie die größte Herausforderung?

Keine Sicherheit zu haben. Krisen kennen wir alle. Dann machen wir Pläne. Aber heute? Niemand von uns weiß, was in den nächsten Wochen passiert. Aber, wie Sie sagen …. ich rede hier von Herausforderung. Trotz all den äußeren Umständen befinden wir uns in Deutschland immer noch in einer Komfortzone. Ich denke an all die armen Länder, in denen die Gesundheitsversorgung so gar nicht gewährleistet ist. Wir hier in Deutschland und hoffentlich in Europa werden für uns einen Weg finden. Gesundheit ist unser höchstes Gut! Mein Sohn wurde positiv getestet – er hat eine Vorerkrankung. Das war für mich das Allerschlimmste in den letzten Wochen. Um so glücklicher und erleichterter war ich, das er keinerlei Symptome hatte und nun gesund ist. Aus diesem Grund bin ich zuversichtlich, dass wir alle vor den wirtschaftlichen Herausforderungen, vor denen wir aktuell stehen, gemeinsam eine Lösung finden.