“Die Kunden haben sicher keine Lust, etwas zu kaufen, was anstrengend ist”

Rieke Common von Maison Common wollte gerade zu einem amerikanischen Kunden nach New York fliegen, als ihr Flug wegen Corona gecancelt wurde. Wie sie in der aktuellen Herausforderung eine Kollektion entwirft und warum es in der nächsten Saison noch wichtiger wird, auf den Punkt zu sein.

Aktuell arbeiten Sie wie alle Kreativen an der Frühjahrskollektion 2021. Wie erstellt man eine Kollektion ohne Info-Reisen, Store-Checks, Fittings?

Rieke Common: Man muss sich schöne Gedanken machen! Im Kopf und auf dem Papier steht die Kollektion. Jetzt fehlen nur noch die Rohmaterialien. Wir telefonieren und mailen täglich mit unseren Lieferanten in Frankreich und Italien, die alle zu Hause sind. Ich habe ihre Privatadressen und schicke fleißig Arbeit, die sie dann hoffentlich gleich in Angriff nehmen, wenn sie wieder dürfen! 

Wenn die Kollektion dann wirklich fertig ist, müssen wir sie von oben bis untern fotografieren. Fotos, Videos, etc sind jetzt wichtig. Zur Not zieht die ganze Firma die Teile an! Wir sehen ja alle top aus…

Der Umfang der Kollektion hat sich natürlich auch reduziert. Liegt aber auch schlicht weg daran, dass für mehr gar keine Zeit bleibt. Außerdem  können wir uns vorstellen, dass die Kunden nach so einem Sommer keine große Lust haben, überhaupt etwas zu kaufen, was „anstrengend” ist. Also muss die Kollektion auf den Punkt sein. 

Haben Sie schon darüber nachgedacht, was Sie machen, wenn im Sommer keine Messen stattfinden dürfen?

Es gibt ja FaceTime, Skype und WhatsApp. Da fällt uns schon etwas ein, wie wir unsere Kunden erreichen können. Wir haben das Glück, dass wir eigene Showrooms in München und Düsseldorf haben. Sollte es also Beschränkungen geben, dann können wir wie beim Arzt Termine machen. Masken gibt es gratis dazu.

Sie waren gerade dabei, den amerikanischen Markt auszubauen. Wie geht es für Sie dort jetzt weiter?

Das wird sich zeigen. Im Moment wissen wir auch nicht mehr. Die großen Department Stores sind angeschlagen, das waren sie aber auch schon vor Corona. Ob sie die Krise überleben? Wäre sehr schade wenn nicht, da wir fünf Jahre daran gearbeitet haben, um aufgenommen zu werden. Auf der anderen Seite haben wir bewiesen, dass wir es können. Dann machen wir es eben noch einmal.  

Li Edelkoort ruft das Jahrhundert des Handwerks aus. Könnte davon eine Marke wie Maison Common profitieren?

Wenn Li Edelkoort das sagt, dann glauben wir mal fest daran. Wir würden uns freuen und ja, wir würden davon profitieren. 

Auf der anderen Seite steht zu befürchten, dass die Menschen sich durch die drohende Wirtschaftskrise nicht mehr so viel leisten können. Was bedeutet das für den Luxusmodemarkt und damit auch für Sie?

Ich habe das Gefühl, dass die großen Topmarken es gar nicht so stark spüren werden, weil sie ihre gigantischen Umsätze in China machen. Die Chinesen schütteln sich einmal, und dann geht das da drüben lustig weiter. 

Bei uns und in den USA sieht das schon ganz anders aus. Da werden wir noch besser und einfallsreicher sein müssen, um die Kunden zu locken. bzw  wieder Spaß an der Sache zu vermitteln. Wir müssen ganz eng mit unseren Handelspartnern zusammen arbeiten, weil wir alle im selben Boot sitzen. Und wer weiß, vielleicht hat der ein oder andere Kunde auch keine Lust mehr auf die großen Marken, die immer wieder die Budget erhöhen oder sie Teile kaufen lassen müssen, die sie eigentlich gar nicht verkaufen können. Vielleicht verschiebt sich da etwas? Und dann kommen wir ins Spiel.

Was stresst Sie zurzeit am meisten?

Die Produktionsstoffe für die Winterkollektion an Land zu ziehen.



“Es wird sicher viele Probleme geben, die wir jetzt noch gar nicht absehen können”

Claudia Flessa ist Inhaberin der Vertriebsagentur Flessa für hochwertige Labels. Reisen gehört für ihre Arbeit zum Tagesgeschäft. Wie sich sich die neue Orderrunde mit Corona vorstellen kann, warum sie sich in den nächsten Monaten vor allem als Vermittlerin sieht und wieso Entschleunigung für sie das neue Zauberwort ist, lesen Sie hier.

Als Vertriebsagentur arbeiten Sie seit vielen Jahren mit italienischen Brands. Wie ist die aktuelle Situation bei Ihren Lieferanten?

Claudia Flessa: Momentan arbeiten wir nur mit einem italienischen Brand: DROMe. Die Firma ist ein Familienbetrieb und produziert in der Toskana mit europäischen Materialen. Das heißt die meiste Rohware ist schon auf Lager oder wird geliefert, sobald wieder normal gearbeitet werden kann. Viele Teile waren schon vor dem Lockdown in Produktion, und sobald es eben geht, wird die restliche Produktion weitergehen. Stornierungen gibt es nicht – nur einen etwas späteren Liefertermin, also Ende Juli bis September statt Juni, was allerdings auch die meisten Kunden befürworten

Viele Firmen werden vermutlich nicht liefern können. Was hat das für Ihre Agentur für Konsequenzen?

Unsere Firmen werden liefern….nur eben etwas später. Bei 360 Cashmere ist zwar der Importeur in Italien, aber die Ware kommt wie vereinbart Ende Juli aus Los Angeles und kann Anfang, Mitte August ausgeliefert werden. Im Moment sind die einzigen Konsequenzen für uns, dass wir zwischen den Kunden und den Produzenten vermitteln bezüglich späterer Auslieferung auf Wunsch oder Valuta.

Die nächste Einkaufsrunde steht vor der Tür. Werden Sie überhaupt Kollektionen haben, die Sie verkaufen können? Und wie werden Sie sie verkaufen, wenn die ganzen Messen wegbrechen sollten?

Ja, wir werden Kollektionen haben und selbstverständlich auch darauf vorbereitet sein müssen, gegebenenfalls Aufträge online zu schreiben und die Kunden dann auch telefonisch beraten, zum Beispiel per Face Time. Falls wir dürfen, werden wir unsere Showräume in Düsseldorf bzw. München zu einem späteren Termin (falls es den geben wird) anmieten und Termine vereinbaren. Ansonsten werden wir auch viel von unserem Showroom arbeiten und entsprechend Einzeltermine vereinbaren. Außerdem könnten wir Kunden Haustermine anbieten und zwei bis drei Wochen mit den Kollektionen reisen, falls es keine andere Ordermöglichkeit geben sollte. Das ist für uns gut machbar, da wir ja hauptsächlich Cashmere und Kleider verkaufen. DROMe, Hayley Menzies und Dualist können wir auch online verkaufen oder dann eben später in den Showrooms in Mailand und Paris, falls das wieder möglich sein sollte… Die Premium in Berlin werden wir diese Saison nicht machen.

Es gibt zurzeit viele Stimmen, die nach Entschleunigung rufen, nach weniger Kollektionen, späteren Lieferterminen. Utopie oder Wirklichkeit?

Das ist genau meine Meinung! Wir haben viel zu viele Kollektionen und dementsprechend zu viele Messe- und Ordertermine. Unsere Kunden müssen fast ganzjährig zu irgendwelchen Orderterminen und können nicht im Geschäft sein, Ware wird viel zu früh geliefert und viel zu früh reduziert. Ich habe noch nie verstanden, warum wir Wintermäntel unbedingt im Juni/Juli liefern müssen, um sie dann, wenn die Temperaturen dementsprechend sind, zu reduzieren und Geld zu verlieren. Wir müssen unbedingt zurück zu einer „normalen“ Saison und am liebsten auch mit Gesetzen, ab wann reduziert werden darf. Dann gibt es vielleicht auch irgendwann mal wieder eine Wertschätzung der Ware, der Designer… wenn wir nicht mehr mit Lieferungen und Kollektionen überflutet werden…. und vielleicht auch für alle ein „Durchschnaufen“, eine „Zwischensaison“ so wie früher, wo wir nicht schon wieder im Mai bzw. Dezember mit Vorkollektionen begonnen haben. Ja, das Zauberwort ist für mich tatsächlich „Entschleunigung“!

Wird die Corona-Krise ein neues, ernsthafteres Konsumverhalten auslösen? Oder suchen die Menschen nach Ablenkung, Zerstreuung?

Das ist schwer zu sagen…. Ich glaube, dass es beides geben wird. Persönlich wünsche ich mir ein ernsthafteres Konsumverhalten in jeder Hinsicht. In Hinblick auf die Mode bin ich der Meinung, dass Mode der Ablenkung und Zerstreuung dient – gerade nach schweren Zeiten, und vor allem nach Wochen zuhause im Jogginganzug.

Was sind für Sie die größten Herausforderung der nächsten Monate?

Wir als Agentur werden versuchen, so gut es geht zwischen Kunden und Produzenten zu vermitteln, zu unterstützen, etc. Es wird sicherlich noch viele Probleme geben, die wir jetzt noch gar nicht absehen können…. Zu viel Ware, zu wenig Ware, spätere Zahlungen, ordern – wie, wann, wo?– etc… Wir müssen flexibel sein, uns neue Wege, Strategien überlegen, anders- bzw. umdenken. Raus aus dem alten Trott, Ärmel hochkrempeln und los geht’s! Wir sind dafür bereit!

“Aufgeblasene Marketing-Labels werden verschwinden”

Modehaus Fischer mit Geschäften in Singen und Konstanz am Bodensee ist eine Institution für hochwertige Designermode. Petra und Oliver Fischer führen das Unternehmen in vierter Generation. Wie sie die Krise empfinden, warum die Post-Corona Welt Luxusmarken mit neuen Augen sehen wird und welche Schlüsse sie für ihre Häuser ziehen, verraten die Beiden in dem folgenden Interview.

Im Unterschied zu vielen Ihrer Kollegen halten Sie sich auf Instagram erstaunlich zurück. Keine Live Verkaufs-Shows, keine Live Interviews. Passt das nicht zu Fischer?

Zurückhaltung auf Instagram heißt nicht, dass wir uns nicht um unsere Kunden kümmern. Wir und unser Team haben gemeinsam entschieden, keine Live-Shows oder anderes zu machen. Es gibt Geschäfte, die so etwas schon länger und sehr professionell machen, dort wirkt es glaubwürdig. Man sollte es jedenfalls nicht aus der Not herausmachen, sondern mit einem eigenen Konzept. Es geht ja im Moment auch weniger darum, seinen Kundenkreis zu erweitern. Deswegen setzen wir auf unsere Stammkunden, mit einem Großteil dieser haben wir einen sehr persönlichen und freundschaftlichen Kontakt, und genau, wie man sich jetzt um seine Familie kümmert, liegt unser Fokus in einem “Caring“ um unsere Kundenfamilie.

Diese ungeahnt mächtige Krise hat eine zerstörerische Kraft, sie zerstört Gewohnheiten und Strukturen in einer nie dagewesenen Form. Sie betrifft alle Bereiche unseres Lebens. Vielleicht ist sie aber auch notwendig, um Neues zu schaffen und Dinge zu verändern und uns die Augen zu öffnen für Reformen, die schon länger in der Luft liegen. Auch neue Energien und Kräfte werden freigesetzt, denn wir müssen uns verändern und wandeln. Diese Pandemie zeigt uns weltweit, dass es Grenzen gibt, und das das Wertvollste, was wir haben, unserer Gesundheit ist neben Familie und Freunden.

Durch diesen Wandel entsteht eine neue, eine andere Zukunft, aber es geht weiter. Die Welt hält den Atem an. Aber wie sagte Queen Elizabeth II. : We will meet again!!!!!

Höher, schneller, weiter. Giorgio Armani hat aktuell zur Entschleunigung aufgerufen. Weniger Kollektionen, andere Lieferrhythmen. Ist das ein romantisches Wunschkonzert, oder steht die Modebranche tatsächlich vor einem tiefgreifenden Wandel?

Corona zwingt die ganze Industrie und auch den Handel weltweit zum Umdenken. Wie sagte schon Max Frisch: “Krise kann ein produktiver Zustand sein. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.” Das heißt: Wir sollten uns Gedanken machen, dass der grenzenlose Konsum, schnelllebige und zu viele Kollektionen uns schon in normalen Zeiten an Grenzen haben stoßen lassen. Deswegen steckt in dem, was Herr Armani formuliert hat, viel Wahrheit. Es wäre in dem Fall kein Rückschritt, sondern ein längst nötiger Fortschritt für alle. Wir brauchen in nächster Zeit viel Kraft, Durchhaltevermögen und Flexibilität, um uns neu zu orientieren – und das in jedem Glied der Wertschöpfungskette.

Werden Sie sich bei der Order für Frühjahr/Sommer 2021 konzentrieren? Bzw. möglicherweise Kollektionen sogar weglassen?

Für uns im Vordergrund stehen unsere langjährigen, verlässlichen Partner, die auch in Krisenzeiten da waren und sind. Sie werden auch weiterhin in unseren Sortimenten klar vertreten sein. Außerdem muss man sehen, wie die Firmen mit dem Wandel umgehen. Wer sich nicht wandelt, kann aus unserem Sortiment verschwinden. Eine partnerschaftliche Zusammenarbeit wird unabdingbar werden. Das Risiko muss wieder gerechter verteilt werden und nicht allein beim Handel liegen. Unsere Selektion wird noch reflektierter sein.

Wird es Luxusmode durch die Corona-Krise und deren wirtschaftliche Folgen schwerer haben? Falls ja, hat das zur Folge, dass Sie einen anderen Sortimentsfokus setzen? Mehr auf Einstiegspreislagen?

Die Post- Corona Welt wird Luxusmarken mit neuen Augen sehen. Wir müssen uns auf die Wünsche und Bedürfnisse einer neuen Welt einstellen. Das heißt aber nicht, dass das zwingend über Einstiegspreislagen geschehen muss, sondern die nächste Orderrunde wird in jeder Preislage noch selektiver und überlegter werden. Auch neuen Dingen eine Chance zu geben wird wichtiger, Altes weglassen ebenso.

Eines ist sicher: Aufgeblasene Marketing-Labels werden verschwinden und keine Chance mehr haben. Nachhaltigkeit, Handwerk und eine authentische Heritage sowie echte Qualität, die in Europa gefertigt ist, wird wieder gefragter werden. Das lag schon vorher in der Luft. Sinnvoller Luxus wird bleiben, das möchte der Mensch, um sich von Zeit zu Zeit zu verwöhnen. Zu viele teure Fashion Weeks und Fashion Shows brauchen nachhaltige Alternativen. Orderrhythmen müssen besser koordiniert und weniger aufwendig werden.

Was ist die größte Challenge der nächsten Monate?

Die Ruhe zu bewahren, was Reduzierungen und den Umgang mit den Saisons angeht. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit aller Parteien, Lieferanten, Händler, Kunden. Die Menschen sollten lernen bewusster einzukaufen, bewusster zu leben, bewusster zu konsumieren. Das heißt nicht verzichten, sondern differenzieren und qualitätvoll in jeder Hinsicht agieren. Genau dieses gilt auch für Produktion und Handel. Dazu gehört das Wiedererlernen von Verantwortungsbewusstsein in unserer Branche und auch eine gesunde Balance von Umsatzerwartungen und Anforderungen seitens der Lieferanten an den Handel.

Wie schafft man es, die Begehrlichkeit für Mode weiterhin aufrechtzuerhalten?

Mode ist etwas Tolles. Sie gibt den Menschen ein gutes Gefühl! Das bleibt auch in Krisenzeiten wichtig, nur mit neuen Augen gesehen. Unsere Aufgabe, die wir auch schätzen sollten, ist darauf mit Feingefühl und Flexibilität zu reagieren – kreative und materielle Qualitäten bieten, die diesem neuen Geist entsprechen. Die Begehrlichkeit werden wir durch Glaubhaftigkeit und Authentizität unseres Familienunternehmens  vermitteln, mit ebenso glaubhaften Partnern, die dasselbe Verständnis haben wie wir.

“Die Leichtigkeit in der Mode und unserem Leben sollte nicht ganz verschwinden”

Ina Eusterhus betreibt zusammen mit ihrem Mann Michael Menke in zweiter Generation das Modegeschäft Eusterhus in Gütersloh. Wie sie zurzeit im Austausch mit ihren Kunden stehen, sich auf die Zeit nach dem Shutdown vorbereiten und warum zu viel Ernsthaftigkeit der Mode nicht gut tun würde.

Ihr Mann hält zurzeit auf Instagram den Kontakt zu Ihren Kunden, immer mit einem Augenzwinkern. Wie ist die Resonanz Ihrer Kunden? Dient dieses Tool vor allem dazu, mit Ihren Kunden im Dialog zu sein, oder verkaufen Sie tatsächlich auf diesem Weg?

Der Kontakt und die Ansprache über Instagram und Facebook wird von unseren Kunden sehr positiv aufgenommen. Die Bilder und kleineren Videos sollen Ideen und Anregungen liefern. Bei Interesse melden sich unsere Kunden dann – und so kommt es auch zum Verkauf. Auf Wunsch liefern wir die Pakete nach Hause. Es ist im Moment extrem wichtig, den Kontakt zu unseren Kunden zu halten.

Nachdem Österreich die Lockerungen ab dem 14. April bekannt gegeben hat, hofft auch Deutschland, dass zumindest die kleineren Geschäfte wieder aufmachen dürfen. Haben Sie schon Ideen, wie Sie nach dem Lockdown weitermachen werden?

Wir freuen uns schon jetzt auf den Tag, wenn wir wieder öffnen dürfen, auch wenn wir bis jetzt nicht wissen, wie die Bedingungen aussehen werden. Die Anforderungen, in zwei Teams zu arbeiten, können wir erfüllen. Auch um Masken für unsere Mitarbeiter haben wir uns gekümmert. Abstand halten und Desinfektion gehören schon längst zur Routine.

Die Sorge ist groß, dass der Handel im Mai sich Rabattschlachten liefern wird. Sind Reduzierungen nicht unvermeidbar, wenn die Ware raus muss, weil die nächsten Lieferungen schon ins Haus stehen?

Auf dem Markt herrscht ein gewisser Warendruck, das ist Fakt. Viele unserer Lieferanten haben aber die Liefertermine der Pre-Kollektionen schon vier bis sechs Wochen nach hinten geschoben, was ich für sinnvoll halte. Aufgrund des letzten warmen Sommers gibt es viele sommerliche Themen wie Shorts, T-Shirts und Kleider. Diese Ware sollte man regulär verkaufen. Schließlich steht der Sommer erst vor der Tür. Die Frage ist: Helfen die ewigen Reduzierungen wirklich, um Liquidität zu schaffen? Auf Dauer bestimmt nicht.

Durch Corona steht eine Wirtschaftskrise zu befürchten und damit die Sorge, dass das Geld bei den Menschen für Mode noch weniger locker sitzt als davor. Planen Sie für die nächste Orderrunde Sortimentsveränderungen hinsichtlich Preisen, Lieferterminen, Brands?

Natürlich stellen wir uns die Frage, wie sich die Konsumenten bzw. das Einkaufsverhalten durch die Wirtschaftskrise verändern. Wir möchten weiterhin anspruchsvolle und wertige Produkte anbieten, wo das Preis-Leistungsverhältnis passt. Was wir genau verändern müssen, lernen wir vermutlich in den ersten Wochen nach der Wiedereröffnung. Sicher kann man aber sagen: Die Liefertermine sollten schon etwas besser zu den Jahreszeiten passen. Den dicken Winterparka im Juli brauchen wir nicht.

In wenigen Wochen steht die Order der Pre-Kollektionen der Premium- und Designerkollektionen ins Haus. Werden Sie diese in dieser Saison überhaupt kaufen?

Die Frage ist, ob die Firmen diese Kollektionen überhaupt verkaufen werden. Dorothee Schumacher zum Beispiel fasst die Pre- und Main-Collection zu einem Termin zusammen. Das ist eine gute Entscheidung. Vermutlich werden Mitbewerber es ähnlich machen.

Armani, Li Edelkoort, Matthias Horx, sie alle prognostizieren eine Entschleunigung und neue Ernsthaftigkeit. Wird sich das auch in der Mode niederschlagen?

Es wird sich vieles verändern. Wir werden achtsamer mit unserem Leben und den Ressourcen umgehen. Vielleicht wird der Modezirkus nicht mehr um die ganze Welt jetten. Etwas Entschleunigung würde uns gut tun, zu viel Ernsthaftigkeit allerdings nicht. Mode sollte immer auch Freude und Emotionen bieten. Die Leichtigkeit in der Mode und auch in unserem Leben sollte nicht ganz verschwinden.

Gibt es etwas, das Sie aus der Corona-Krise mitnehmen?

Für uns als Einzelhändler ist diese Krise eine Prüfung. Wirtschaftlich gesehen ist es ein Verlust. Auf der anderen Seite habe ich viel Mitmenschlichkeit, Aufmunterung und Empathie erfahren, von meiner Familie, meinen Freunden, von unserem Team, unseren Kunden und Geschäftspartnern. Viele Menschen lernt man neu kennen – der Blickwinkel ist ein anderer geworden.

“Ich mache einfach weiter, ohne zu wissen, wie es in acht Wochen aussieht”

Mit ihren bunten, gemusterten Seidenkleidern ist Anni Carlsson bekannt geworden. Seit Februar macht die Hamburger Designerin Annika Schwieger mit QVC die Zweitlinie Anni for Friends. Als sie gerade damit auf Sendung ging, kam Corona. Was das für sie bedeutet, warum sie jetzt auf moderate Preise setzt und weshalb sie in diesem Frühjahr ihre Erstlinie Anni Carlsson erst gar nicht ausgeliefert hat, verrät sie hier im Interview.

Sie haben gerade eine neue Kollektion mit QVC gestartet, da kam Corona dazwischen. Hat sich das auf die Zusammenarbeit ausgewirkt? Wenn ja, inwiefern?

Annika Schwieger: Sagen wir einmal so. Es ist natürlich kein glücklicher Zeitpunkt. Aber ich muss wie damals bei Anni Carlsson jetzt bei Anni for Friends das Vertrauen der Kunden gewinnen. Jeder, der in der Branche ist, weiß, dass dies nicht über Nacht geschieht. Da hilft QVC als Unternehmen mit seinen großzügigen Leistungen in Lieferung, Bezahlung und Retouren sehr. Ich freue mich über diesen Distributionskanal.

Parallel dazu machen Sie ja noch eine hochwertige Kollektion für den Fachhandel. Wie ist da der aktuelle Stand?

Hier waren wir schon sehr früh betroffen durch die Corona Situation in China. Ich arbeite mit einer kleinen Manufaktur in China, außerhalb von Hong Kong, die hauptsächlich für uns nähen. Ich war sehr betroffen zu hören, dass es noch schwerer war, die Näher nach dem Chinese New Year zurückzuholen. Hier hatte Corona schon einiges blockiert, und die Preise gingen nach oben. Ich musste mich im Januar dazu entschließen, das erste Mal in zehn Jahren, die Saison nicht zu produzieren. Ich habe all unsere Kunden darüber informiert, da wir unter anderem unsere Liefertermine nicht hätten halten können und ich einen unfassbaren Aufpreis bezahlt hätte. Es war eine sehr schwere Entscheidung. Heute – nur einige Wochen später, bin ich froh! Es war eine gute Entscheidung. Ich möchte jetzt nicht in der Haut von anderen Lieferanten stecken, die jetzt produzieren und dann ab Juli ausliefern – an all die Händler, die jetzt Wochen Ihre Geschäfte geschlossen haben. Was passiert mit der Ware, die jetzt in den Läden hängt (teilweise ja auch noch gar nicht bezahlt), und dann weiß niemand so recht, wie das Konsumverhalten der Verbraucher einzuschätzen ist. Ich habe jetzt bei Anni Carlsson ein Sofortprogramm auf den Weg gebracht. Es wird bei uns im Juli , August im Lager sein, allerdings in einer Kunstfaser und nicht mehr aus reiner Seide. Ich habe mich entschieden, etwas Neues auszuprobieren, da auch wir gespürt haben, dass die Kundinnen bei uns diese Preislagen nicht mehr bezahlt haben.

Nehmen Sie für die neue Frühjahrssaison 2021 irgendwelche Änderungen an der Kollektion vor?

Ja, auch hier ändern wir komplett die Qualität und gehen auf die Kunstfaser, aber dafür in einer sehr guten Preislage. 159-300 Euro VK und eine 3.0 Marge für den Handel. Wir gehen auf sehr ausgewählte Looks, zum Beispiel auch Jeans zu den nach wie vor besonderen und fröhlichen Drucken. Es wird zwei bis drei Liefertermine geben. Das werden wir jetzt in den nächsten vier Wochen entscheiden.

Wie Sie schon gesagt haben, Sie produzieren viel in China. Wie ist dort die Situation aktuell?

Wir produzieren 90% in China. Hier läuft alles wieder langsam an, und darüber bin ich sehr froh. Meine Partner sind alle gesund und wohlauf, aber die Kapazitäten sind noch lange nicht dort, wo sie vor der Krise waren. Aber das, was alle dachten im Dezember und Januar – das jetzt die Lieferanten zum Produzieren nach Italien und in die Türkei gehen – ist wegen Corona nicht eingetreten. Es ist eine so VERrückte Zeit im wahrsten Sinne des Wortes. Jetzt ist bei uns alles lahm gelegt, und in China läuft es wieder langsam an… aber wer weiß, was in acht Wochen ist? Ich mache einfach weiter – langsam, vorsichtig – aber ohne zu wissen oder auch nur eine Ahnung zu haben, wie es im Sommer aussehen wird.

Was ist zurzeit für Sie die größte Herausforderung?

Keine Sicherheit zu haben. Krisen kennen wir alle. Dann machen wir Pläne. Aber heute? Niemand von uns weiß, was in den nächsten Wochen passiert. Aber, wie Sie sagen …. ich rede hier von Herausforderung. Trotz all den äußeren Umständen befinden wir uns in Deutschland immer noch in einer Komfortzone. Ich denke an all die armen Länder, in denen die Gesundheitsversorgung so gar nicht gewährleistet ist. Wir hier in Deutschland und hoffentlich in Europa werden für uns einen Weg finden. Gesundheit ist unser höchstes Gut! Mein Sohn wurde positiv getestet – er hat eine Vorerkrankung. Das war für mich das Allerschlimmste in den letzten Wochen. Um so glücklicher und erleichterter war ich, das er keinerlei Symptome hatte und nun gesund ist. Aus diesem Grund bin ich zuversichtlich, dass wir alle vor den wirtschaftlichen Herausforderungen, vor denen wir aktuell stehen, gemeinsam eine Lösung finden.

“Einfach hübsche Bilder zu posten, fühlt sich für mich zurzeit verkehrt an”

Annette Weber startete nach ihrer Karriere als Instyle-Chefredakteurin als Unternehmerin und Influencerin nochmal neu durch. Neben ihrem eigenen Instagram-Account nettiweber mit knapp 150.000 Followern für “die erwachsene Frau”, wie sie sagt, betreibt die Münchnerin die Mode-Website Glamometer, unter deren Namen sie auch eine eigene Kollektion entwirft. Außerdem schreibt sie regelmäßig Kolumnen für die Bild. Wie sie in diesen Tagen Social Media erlebt und warum sie keine Lust hat Pausenclown zu spielen, verrät sie in diesem Interview.

Sie halten sich als Influencerin zurzeit auffällig zurück bzw. versuchen immer, einen aktuellen Bezug zu der Corona-Krise herzustellen. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit in Ihrem Job?

Annette Weber: Der Spagat zwischen Unterhaltung und Ersthaftigkeit ist ganz, ganz schwer. Einerseits bin ich – wie alle – geschockt, gelähmt und voller Zukunftssorgen. Einfach hübsche Bilder posten, das fühlt sich verkehrt an. Wäre nicht richtig – für MICH. Ich denke, dass jeder seine Stimme, seinen Kompass finden muss. Ich finde es süß, dass manche junge Influencer lustige, heitere Videos posten, sich bei drolligen Challenges engagieren – ich kann das nicht. Ich will das auch nicht. Ich bin eine “Influencerin” im Sinne von ich kann der Branche, den Kunden Impulse geben. Ich käme mir vor wie ein Pausen-Clown. Ich zeige Mode im Kontext, Homewear. Das ist ja auch am Markt gerade gefragt. Die Frauen kaufen sich – wenn überhaupt – etwas Gemütliches für daheim. Baumwolle, weil angenehm. Jogginghose, Hoodie.

Manche Kolleginnen posten fröhlich Bilder von sich auf Parties aus der Vergangenheit mit dem Kommentar #Throw me back. Andere inszenieren sich unter #westayathome in ihrer Luxusvilla mit einem Garten, der parkähnliche Dimensionen hat. Wie empfinden Sie die Posts dieser Kolleginnen?

Die soziale Schere geht natürlich jetzt weit auf, viele Influencer mit spektakulären Häusern haben die ihrer Verwandtschaft zu verdanken, good for them. Das schaut man sich gerne an. Aber: Es ist ja jedem klar, dass Instagram eine einzige Inszenierung ist. Kein Mensch glaubt, dass die perfekten Kinder wirklich immer  so brav und hübsch und artig sind, die Männer so liebevoll, das Essen selbst zubereitet und vollständig aufgegessen wird und so weiter. Ich schaue mir im Moment viele Profile deshalb nicht mehr an, weil ich – in DER Situation – nicht mit diesen Fakes konfrontiert sein möchte. Das hat vielleicht auch mit dem Alter zu tun. Als erwachsene Frau und Mutter und Unternehmerin habe ich jetzt andere Sorgen…..auch wenn es um die “Verantwortung” geht, die man als Influencer angeblich hat. Sehe ich auch nicht so. #Wirbleibendaheim ist richtig und wichtig, aber “Verantwortung” hat jeder mündige Mensch für sich selbst!

Matthias Horx schreibt in seiner Vision, wie die Welt im Herbst nach Corona aussehen könnte, dass der ganze Trivial-Trash, der unendliche Seelenmüll, der durch alle Kanäle strömte, in rasender Geschwindigkeit an Wert verliert. Wird Corona die Welt von Instagram verändern und damit auch Ihre Arbeit als Bloggerin?

Matthias Horx hat das großartig zusammengefasst und prognostiziert. Trivial Trash gibt es aber auch auf RTL und SAT 1, nur eben aus und von Hartz 4 Familien und nicht in der Luxus-Villa. Deshalb gucken die Leute sich Influencer Stories an, Geschichten, auch Trash, aus der Luxusvilla. Von OBEN.  Das gibt’s im Fernsehen nicht zu sehen. Ich glaube, dass sich alles konzentriert, wie in der Modebranche auch, oder im Publishing, die Guten werden überleben. Sie werden ihre Profile schärfen und ihre Fans noch näher an sich binden. Dazu gibt Corona auch die Chance. Die Leute haben ja jetzt mehr Zeit. Social Media wird eher wichtiger werden. Es ist schnell. Digital, also überall empfänglich, wir sehen ja, wie die Modehefte gerade unter den Geschäftsschließungen leiden. Instagram ist geöffnet. Zudem müssen die Firmen, wenn der Shutdown beendet ist, wieder Gas geben und das geht nur mit Werbung

Was sind für Sie die größten Herausforderungen der nächsten Monate?

Die größte Herausforderung ist die unsichere wirtschaftliche Situation. Viele Unternehmen werden es nicht packen. Die Textilbranche war ohnehin am Limit.  Zuviele Player, zuviele Termine, zuviel Ware, zuviel Verschwendung. Es wird langsamer werden, hoffentlich, die Leute werden sich auf Qualität besinnen, Nachhaltigkeit wird noch wichtiger werden, der blinde Konsum geht zurück. Eine Saison ausfallen lassen, wie sich das manche vorstellen, das kann nicht funktionieren. Ich hoffe auch, dass die Händler, die übrig bleiben, sich nicht gegenseitig mit Rabattschlachten umbringen….

Gibt es etwas Positives, das Sie aus der Corona-Krise mitnehmen werden?

Positiv ist leider nichts an der Corona-Krise.

“Eine handwerkliche Ästhetik wird kommen”

Experimentell und eklektisch. Spannung durch das Spiel mit Stoffen und Silhouetten. Seit zehn Jahren spielt die deutsche Marke Odeeh im internationalen Luxusmarkt mit. Als das Coronavirus in Europa Fahrt aufnimmt, verkaufen die Odeeh-Macher Jörg Ehrlich und Otto Drögsler die Kollektion in ihrem Showroom in Paris. Jörg Ehrlich über Konzentration, Entschleunigung und warum wir jetzt nicht alles hinterfragen sollten.

Giorgio Armani hat gerade für eine Entschleunigung der Mode plädiert. Zu viele Kollektionen, zu viele Liefertermine. Hat er recht? Oder ist es ein einsames Wunschkonzert?

Jörg Ehrlich: Schauen wir mal ob er recht hat, wir sind uns da nicht so sicher. Er liefert sicherlich einen wertvollen Gedanken. Allerdings sollten wir alle jetzt nicht allzu vernünftig werden und den Mantel erst liefern, wenn´s draußen kalt wird. Was wir tun, lebt von der Unvernunft, immer auch von dem Gefühl: Das will ich haben! Wir bzw. unsere Kunden brauchen ja nichts, um zu überleben. Es geht letztlich immer um das sechste Kleid im Schrank, den vierten Mantel oder die zwölfte Hose. Und so lange es Kunden gibt, die sich im Januar ein sommerlicheres Kleid kaufen, weil sie sich auf den Sommer freuen wollen oder in die Sonne fahren, ist es legitim, es dann auch anzubieten. Ab wann braucht es die Osterhasen im Supermarkt? Eigentlich erst die Woche vor Ostern, oder? In gewisser Weise werden wir uns mit der notwendigen Unvernunft unserer Kunden arrangieren müssen. So isses halt. Sie hält unser Business am Leben.

Kann sich das System vielleicht trotzdem nach hinten korrigieren, etwas zurechtrücken?

Ja, sicher ein wenig schon. Vielleicht. Aber nur nicht zu viel.

Sie arbeiten gerade an der Spring 2021-Kollektion. Haben Sie im Zuge der aktuellen Situation Veränderungen vorgenommen?

Der Shutdown gibt uns mehr Zeit, alles mit etwas mehr Reflexion anzugehen. Unsere italienischen Partner können ja auch nicht weiter, und wir warten gerade auf Farbabschläge, Farbandrucke der neuen Prints, etc. Zwangspause für alle sozusagen. Und auch die Chance, über manches einmal nicht nur eine Nacht zu schlafen, sondern drei. Mit Abstand drauf schauen. Die Kollektion wird etwas kleiner aus heutiger Sicht. Sicherlich etwas fokussierter. Aber das wird bei allen Kollegen so sein. Konzentrierter wird erst mal „das neue Normal“. Hoffentlich wird’s nicht allzu vernünftig. Und wahrscheinlich ist die Kollektion dann immer noch zu groß, weil wir uns manchmal nicht entscheiden wollen. Das alles ist dann auch gut so.

Wird Luxusmode es durch Corona und die wirtschaftlichen Einbußen schwerer haben in den nächsten Monaten?

Das kommt darauf, was wir darunter verstehen. Wenn es um den typischen Label- Luxus geht, der sich ja mittlerweile zum großen Teil in Preisbereichen abspielt, die nicht mehr nachvollziehbar sind: Ja, können wir uns vorstellen. Und das wäre auch irgendwie ganz gut. Da stimmt einfach vieles nicht mehr. Wenn es um die handwerkliche, eher manufakturelle, die limitierte Auffassung von Luxus geht: vielleicht, aber hoffentlich nicht.

Li Edelkoort hat das Jahrhundert des Handwerks ausgerufen. Könnte davon eine Kollektion wie Odeeh profitieren?

Ein „Jahrhundert des Handwerks“? Na ja, das ist zu absolut formuliert. Die Antwort lautet also: eher nein, und das muss auch nicht sein. Echtes Handwerk ist toll, hat aber seine quantitativen Grenzen. Uns geht es letztlich um die Balance von Handwerk und industrieller Methodik. Gedanken, mit denen wir vor zehn Jahren mit ODEEH begonnen haben: So wenig interne Strukturen wie nötig, eine DNA, die sich permanent, auch radikal verändern soll. Atelierarbeit, Courage,  auch im größer werden klein denken, das Produkt steht im Focus, eine nachvollziehbare Preis-Leistungs-Dimension, Made in Germany, Made in Europe. All das sind Schwerpunkte , die uns immer geholfen haben und uns immer noch gut tun.

Eine handwerkliche Ästhetik wird mehr Raum bekommen, das glauben wir sicher. Der Kuchen aus der Großbäckerei, der ausschaut, wie zuhause gebacken. Das Kleid mit ein paar scheinbar handwerklichen Details. Der manufakturell inspirierte „kleine Fehler“ als geplantes Design-Detail. All das wird noch stärker werden. Manufaktureller Touch vom Fließband, das wird kommen.

Könnten in diesem Zusammenhang lokale Brands und Stores möglicherweise sogar einen Aufschwung erfahren?

Das glauben wir ganz sicher. Aber auch hier ist die Balance wichtig. Wir wollen alle ein Europa ohne Grenzen, wir brauchen einen globalen Markt und wollen alle auch international sichtbar sein. Also müssen wir auch den lokalen Radius verlassen, sonst wird das nichts. Nur „local“ ist nicht genug. Und nur alleine dafür wollen wir nicht stehen, auch wenn das Business in Deutschland immer unser Fokus bei ODEEH sein wird. Man stelle sich vor, alle auf der Welt würden jetzt nur noch „local“ werden: Das wäre ja furchtbar.

Was ist die größte Herausforderung in den nächsten Monaten?

Geduld haben, tolerant bleiben, lernend aus der Krise herauskommen. Offen bleiben. Nicht die falschen Schlüsse ziehen – und sicher nicht überall die Notwendigkeit sehen, dass sich alles ändern muss. Vieles läuft falsch in unserer Branche, vieles aber auch nicht. Wir haben das große Glück, in einem Bereich zu arbeiten, der Menschen idealerweise glücklich macht und der gesellschaftlich vieles bewegen kann. Nur, weil es temporär eine große medizinische Herausforderung zu stemmen gilt, sollten wir nicht alle komplett durchdrehen und hinter alles ein Fragezeichen setzen. Es ist ein ernstzunehmender Virus, der uns gerade blockiert. Nicht mehr und nicht weniger. Letztlich werden wir immer mit der Tatsache klar kommen müssen, dass wir etwas produzieren, was niemand in allererster Linie zum Überleben braucht. Um gut zu leben, braucht sie oder er es aber schon.

“Jeder Händler muss sich mit Liquidität versorgen, um bis zum Jahresende über die Runden zu kommen”

Wie geht es in der Mode nach dem Shutdown weiter? Welche Schritte machen Sinn? Was sind die herausfordernden Themen? spielerweekly startet mit einer Gesprächsserie an Branchenexperten, die ihre Einschätzung zu Covid 19 und ihren Folgen für die Modebranche geben. Den Auftakt macht Angelika Schindler-Obenhaus, Vorstand Katag für Produkt, Einkauf, Marketing und IT.

spielerweekly: Zurzeit ist Social Media für stationäre Händler die einzige Möglichkeit, mit ihren Kunden in Kontakt zu treten. Das Angebot reicht von Live Verkaufshows, Talks bis zu emotionalen Appellen, Gutscheine zu kaufen, um Existenzen zu sichern. Wie wichtig ist jetzt die Kommunikation über Instagram und Facebook?

Angelika Schindler-Obenhaus: Die Kommunikation über Instagram und Facebook ist zurzeit unverzichtbar, um den Kontakt mit seinen Kunden halten zu können. Whats App spielt daneben auch eine große Rolle im Direktkontakt.

Haben Sie Feedback, ob Ihre Kunden denn auf diese Art und Weise auch verkaufen?

Ja. Viele Händler können durch diesen Verkauf wenigstens etwas Liquidität generieren. Kleinere, persönlich geführte oder auf den sozialen Medien etablierte Händler haben es etwas leichter. Zudem kommen wir den Anfragen nach Anbindung an Modehaus.de und MyVeo Online Shops zur Zeit kaum hinterher.

Auch wenn uns der Lockdown in Aussicht gestellt wird, werden vermutlich erst einmal die kleineren Geschäfte wie in Österreich eröffnen dürfen. Wie lange halten größere Häuser noch durch, wenn Sie nach Ostern nicht öffnen dürfen?

Wir versuchen gerade mit größter Kraftanstrengung, die Politik davon zu überzeugen, dass sofort alle öffnen dürfen. Erstens haben wir eine andere Infrastruktur im Handel, die nicht vergleichbar ist mit Österreich, und unserer Ansicht nach ist die Abstandsregelung gerade in größeren Geschäften viel besser umsetzbar ist als in kleineren Geschäften.

Könnte es durch die Corona-Krise ein Comeback des lokalen stationären Handels geben?

Das ist zu hoffen. Mich hat in meinen Gesprächen aber eher erstaunt, dass selbst Händler davon ausgehen, dass sie höhere Online-Aktivitäten erwarten als vor der Krise. Man muss bedenken, dass eine der anteilsmäßig größeren Gruppe an Kunden der 60 plus vielleicht noch nicht sofort wieder los stürmt, sondern sich aus gesundheitlichen Gründen noch etwas zurückhält. Die Gefahr der Ansteckung ist ja nach wie vor real.

Was halten Sie von der Diskussion, Liefertermine nach hinten zu schieben? Lässt sich das Rad so leicht zurückdrehen?

Nein, das halte ich für ausgeschlossen.

Was wird Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung sein in den nächsten Monaten?

Die Kosten in Relation zu den Umsatzverlusten anpassen zu können. Wichtig ist, dass sich jetzt jeder Händler mit Liquidität versorgt, um bis Ende des Jahres gut über die Runden kommen zu können.

Digitale Nähe zum Kunden

Zurzeit ist in der Modebranche wie in vielen anderen Branchen absoluter Ausnahmezustand. Täglich sind es mehr als zehn Millionen unverkaufter Bekleidungsstücke, wie BTE-Hauptgeschäftsführer Rolf Pangel in der TW erklärt. Doch auch online läuft das Business not as usual weiter. Selbst die Ecommerce-Plattformen berichten von zweistelligen Umsatzeinbußen. Netaporter und MrPorter stellen ihren Betrieb vorübergehend ein. In Zeiten von Corona haben die meisten Menschen andere Sorgen als sich ein neues Kleid oder einen Pullover zu kaufen.

Doch der Warendruck ist enorm, und umso beeindruckender ist die Aktivität und der Einfaltsreichtum vieler kleiner Einzelhändler, die über Instagram mit ihren Kunden kommunizieren. Spazio und Hayashi in Frankfurt, Lemoni in München, Abseits und Bungalow in Stuttgart, Mainglück in Würzburg machen regelmäßig Live-Verkaufsshows, wo einem die Inhaber persönlich die Ware und den Look erklären, per Chat können Fragen gestellt und die Ware per Email oder Telefon bestellt werden.

Nicole Mohrmann vom gleichnamigen Geschäft in München spielt selbst Kundin und Model und lässt sich von ihrer Mitarbeiterin Looks empfehlen und zusammenstellen. Frauke Ortner von Ortner in Dortmund kommuniziert sehr persönlich mit ihren Kundinnen und nimmt sie neben virtuellen Shopping-Touren durch den Laden auch in ihr persönliches Fitnessprogramm mit, zum Beispiel Online-Skiing. Eusterhus in Gütersloh nimmt es mit Humor und zeigt eine Story “im Moment drehen wir uns bisschen im Kreis, aber es wird besser.” Schnitzler in Münster macht mit seinen Kunden eine virtuelle Coffee Time und gratuliert jedem guten Kunden über Social Media zum Geburtstag, und dazwischen streut das Unternehmen Looks ein. Oberrauch Zitt hat postet jeden Tag ein nettes Motto, zum Beispiel “heute ist Frühling. Ich zieh mir ein Blumenkleid an und tanz fünf Minuten durch die Wohnung” oder “Heute kleide ich mich ganz in Grün, die Farbe der Hoffnung” und ruft Kunden auf, ein Foto mit einem grünen Look zu posten. Steffi Sobisch von dem Interior-Geschäft Curtis & Curtis stellt jeden Tag eine Produktgruppe heute, heute Vasen, morgen Spiegel, die per Nachricht bestellt werden können. Sagmeister in Bregenz zeigt schöne Erinnerungen wie Verkaufs-Events und Veranstaltungen mit Kunden.

Es gibt die unterschiedlichsten Möglichkeiten, mit der Krise umzugehen. Doch neben schlichtem Verkaufen, was sicher nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein kann, ist die Kommunikation mit dem Kunden. Wer jetzt empathisch und perspektisch Social Media betreibt, wird von seinen Kunden belohnt. Denn dass der persönliche Kontakt, das Miteinander, die Begegnung nach dieser Krise extrem an Bedeutung gewinnen wird, für diese Erkenntnis muss man kein Pyschologe sein. Insofern wird stationärer Handel in der Zukunft sicher wieder Aufwind erfahren, er muss nur schaffen durchzuhalten.